Die Schatten der Großväter (1)
Prolog – Die Uhr

Das Ticken war kaum zu hören. Und doch war es da, leise, hartnäckig, wie ein Gedanke, den man nicht loswird.
Markus Huber saß auf dem Wohnzimmerboden, zwischen halb geleerten Kartons und einem Stapel alter Blusen, die nach Angelikas Parfum rochen. Lavendel, ein Hauch Zitrus. Er hielt inne, als hätte ihn jemand gerufen. In seiner Hand lag die Armbanduhr.
Ein schmales Lederband, brüchig an den Rändern, das Glas leicht zerkratzt. Auf der Rückseite eine kaum lesbare Gravur: J. K., 1938. Sein Großvater. Mütterlicherseits. Johann Klose.
Markus hatte diese Uhr als Kind gesehen, später noch einmal bei der Beerdigung seiner Großmutter. Danach war sie verschwunden, irgendwo in einer Schublade, so wie viele Dinge verschwanden, ohne dass man sie wirklich vermisste. Bis jetzt.
Er ließ sich rücklings gegen das Sofa sinken. Die Wohnung in der Maria-Luiko-Straße war still. Früher Hilblestraße, hatte Angelika immer betont, mit Betonung auf früher, als hätte sie Angst, die Vergangenheit könne sonst endgültig zurückkommen. Draußen rauschte der Verkehr der Dachauer Straße sein fernes, gleichmäßiges Rauschen.
„Was weiß ich eigentlich von euch?“, murmelte er und betrachtete die Uhr. Nicht viel, musste er sich eingestehen. Ein paar Daten, ein paar Fotos. Schweigen. Immer viel Schweigen.
In diesem Moment, zwischen Kartons und Staub, beschloss Markus Huber, sich auf die Suche zu machen. Nicht aus Mut. Aus Mangel an Alternativen.

I – Die Gegenwart des Vergessens
Kapitel 1 – Die Wohnung nach dem Tod

Als Markus Huber an diesem Morgen erwachte, war ihm, als habe jemand die Zeit angehalten und vergessen, sie wieder in Gang zu setzen. Das Licht fiel schräg durch die halb geschlossenen Rollläden, staubig, unbewegt. Neben ihm war das Bett leer, wie es seit zwei Jahren leer war, und dennoch streckte er kurz die Hand aus, eine Gewohnheit, die er sich nicht abgewöhnt hatte.
Er blieb liegen. Die Geräusche der Stadt drangen gedämpft herauf: ein Lieferwagen, ein entferntes Martinshorn, Schritte im Treppenhaus. Neuhausen lebte weiter, unbeeindruckt davon, dass in der Maria-Luiko-Straße ein Mann lag, der nichts mehr erwartete.
Markus war zweiundsechzig Jahre alt, pensioniert, verwitwet. Diese drei Wörter reichten aus, um ihn zu beschreiben, und sie erschreckten ihn durch ihre Endgültigkeit. Früher hatte er geglaubt, das Leben bestehe aus Übergängen. Jetzt schien es ihm aus abgeschlossenen Räumen zu bestehen, deren Türen man hinter sich zuzog, ohne Schlüssel.
Er stand auf, ging ins Bad, betrachtete sein Gesicht. Es war das Gesicht seines Vaters, das er aus alten Fotografien kannte, nur älter. Ein Gesicht, das gelernt hatte, nicht zu viel zu zeigen.

Kapitel 2 – Die Dinge der Toten

Der Tag verging ereignislos. Markus las Zeitung, ohne sich zu erinnern, was er gelesen hatte. Er ging einkaufen, vergaß die Hälfte. Am Nachmittag setzte er sich an den Küchentisch, an dem er früher mit Angelika gesessen hatte, mit einer Tasse Kaffee, die sie selten austrank.
Es war etwas anderes allein zu schweigen, als gemeinsam zu schweigen. Angelika hatte seine Stille verstanden, hatte sie ausgehalten. Ihr hatte er nicht erklären müssen, warum er wenig erzählte.
Er beschloss aufzuräumen. Nicht aus Entschlossenheit, sondern aus Ermüdung.

Kapitel 3 – Der Entschluss

Die Dinge der Toten widersetzten sich der Ordnung. Sie schienen sich zu vermehren, sobald man sie berührte. Markus öffnete Schubladen, fand Briefe, die nicht an ihn gerichtet waren, Rechnungen aus einer anderen Zeit, kleine Zettel mit Angelikas Handschrift. Dinge, die ihm nun bedeutungslos erschienen und gerade deshalb unerträglich waren.
In einer Schachtel, die er nie zuvor geöffnet hatte, lag die Uhr.
Sie war alt, schlicht, unscheinbar. Und doch wusste Markus sofort, dass sie wichtig war. Er drehte sie um, las die Initialen. J. K.
Johann Klose.
Der Name löste nichts aus, und genau das erschreckte ihn. Es war der Name seines Großvaters, eines Mannes, der sein Leben bestimmt hatte, ohne je darin vorzukommen.
Markus setzte sich auf den Boden, die Uhr in der Hand, und zum ersten Mal seit langer Zeit verspürte er etwas, das man Neugier nennen konnte.

Kapitel 4 – Elisabeth

Am Abend zog er die Uhr auf. Sie begann zu laufen, als habe sie nur auf diese Berührung gewartet. Das Ticken war leise, aber beständig. Es erinnerte ihn an den Herzschlag eines Menschen, den man kaum hört, solange er regelmäßig schlägt.
Er dachte an seine Eltern. An das Schweigen bei Familienfesten. An die Sätze, die nie beendet worden waren. Darüber spricht man nicht. Das war eine andere Zeit.
Markus hatte diese Sätze nie hinterfragt. Er hatte gelernt, dass Fragen Unruhe stifteten. Jetzt gab es kaum noch jemanden den er hätte beunruhigen können. Höchstens seine Mutter, sie lebte ihr zerbrechliches Leben in einem Pflegeheim. Er spürte, wie sehr sie ihm alle fehlten.

Kapitel 5 – Johann Klose

Die Recherche begann zögerlich. Melderegister, Kirchenbücher, Archive. Markus bewegte sich durch die Vergangenheit wie durch ein fremdes Land, dessen Sprache er nur bruchstückhaft verstand.
Johann Klose, geboren 1908. Katholisch. Bäckerlehre. Einzug zur Wehrmacht 1939.
Es waren Daten ohne Stimme. Und doch veränderten sie etwas. Markus begann, sich vorzustellen, wie dieser Mann gewesen sein mochte. Nicht als Soldat, sondern als Sohn, als junger Mann, der glaubte, sein Leben noch vor sich zu haben.
Er legte die Uhr neben den Laptop. Sie tickte.