Wieder wiederentdeckt
Es ist so ein Sonntag, der anders ist als die meisten anderen meiner Sonntage. Nicht äußerlich, das Wetter ist schön, wir machen das Beste draus, dass mein kaputtes Gestell derzeit nicht locker 15 Kilometer durch die Pampa latscht, sondern ein Quälgeist ist. Das Szenario ist Frühling at it's best, wir fahren ins Allgäu an den Grüntensee und laufen eben soweit , wie meine Hochrechnung meint, dass ich es auch halbwegs schmerzfrei wieder zurück schaffe. Wir genießen die Sonne auf einer Bank, die einen herrlichen Blick übers Wasser auf die dahinterliegenden Berge erlaubt. In noch recht brauchbarer Verfassung erreiche ich den Parkplatz, dort gibt's auch eine kleine Gastronomie mit Außenbereich; von der Idee bis zur Umsetzung dort Pommes zu verdrücken, vergehen keine zwei Minuten. Hier kann man in einen Klettergarten blicken, der ist gut besucht, nicht nur von Kindern, weil es stellenweise auch für Erwachsene anspruchsvoll ist. Ich bin hängengeblieben, nicht in den Seilen, sondern an den Kindern. Mut finden, abschätzen, Papa/Mama suchen, Angst haben, üben, lachen, erzwingen wollen, kapitulieren müssen. Spielplatz auch für die ganz Kleinen, friedvoll, verträumt. Tränen, die von einem Fingereis spurlos beseitigt werden; ich hätte stundenlang zusehen können und am Ende stand für mich eines fest: ich will mehr spielen! Für mich Entdeckung! Alles in Zeitraffer, in der Frühlingssonne, im Vogelgezwitscher. Gedankenverloren Dinge tun. Ich bin in einem Alter da geht so etwas. Locker. Ich muss ja nichts mehr. Und das musste ich innerlich entdecken. Nochmal anders, als ich es schon wusste. Unser beider Leben ist kinderlos verlaufen. Kennengelernt haben wir uns erst als es für Nachwuchs schon zu spät war. Also vergisst man das Kinderdasein vollends, weil keine Beispiele vor der eigenen Nase herumhüpfen. Stattdessen Beruf und irgendwann Sorge um und für die eigenen Eltern. Als das hinter uns lag, dachten wir natürlich über Reise, Hobbies, andere Tagesstrukturen nach und wir haben auch einen guten Dreh’ raus. Aber, dass man auch Sandburgen bauen darf, die man gleich wieder selbst zertrampelt, das ist mir heute beim Beobachten der „Zwerge“ nochmal ganz anders klar geworden. Sand brauch ich nicht, aber ich mach das.

Paul Klee und der Rücken
Gestern haben wir das schlechte Wetter genutzt, um endlich ein schon länger geplantes Vorhaben umzusetzen. Im Schlossmuseum Murnau ist derzeit eine bemerkenswerte Sonderausstellung zu sehen. "Paul Klee - Der Poet des Blauen Reiter".
Gabriele Münter und Wassily Kandinsky hatten einen Sommerwohnsitz in Murnau, zahlreich waren die Besuche von anderen Expressionisten zu dieser Zeit um 1910. Gabriele Münter wohnte nach einigen Jahren der Unterbrechung bis zu ihrem Tod in Murnau. Kein Wunder also, dass das dortige Museum ein guter Platz ist, um Bilder der Neuen Künstlervereinigung München auszustellen. Paul Klee nimmt trotz enger Verbundheit mit dem Blauen Reiter eine Sonderstellung ein. Er bezeichnete sich beispielsweise selbst lange Zeit als Zeichner und Grafiker, weil er seiner Meinung nach keinen rechten Bezug zur Komposition mit Farben fand. Das änderte sich erst mit einem Aufenthalt in Marokko wo er durch die Harmonie der Farben und Formen von Gebäuden und Feldern für sich einen Durchbruch in dieser Hinsicht erkannte.
Und so ließ ich Bilder und Begleittexte auf mich wirken und war noch gar nicht so besonders weit in meinen Betrachtungen gekommen, als sich plötzlich erneut dieser ekelhafte Kerl namens Nucleus Pulposus Prolaps an mich heranschlich und mir massiv in den Rücken trat. Wir kennen uns seit 30 Jahren, aber er lässt nicht locker. Jahrelang lässt er sich nicht blicken und plötzlich schlägt er zu. Er hat einen Lieblingsplatz mit den Geokoordinaten L4-L5-S1.
Ich sank also in einem der Ausstellungsräume auf einem leidlich gepolsterten Sitzkubus nieder und versuchte ein interessiertes Gesicht zu machen, bis meine Frau sich das Elend nicht mehr mitansehen konnte und entschied den Aufenthalt dort abzubrechen und uns nach Hause zu kutschieren.
Glück im Unglück: beim Orthopäden meines Vertrauens ist schon am kommenden Montag ein Termin möglich geworden, weil jemand abgesagt hat. Besser als Eurojackpot.
Wenn es wieder besser ist, gibt's einen zweiten Anlauf, die Ausstellung
ist tatsächlich bis November 2028 zu besichtigen und so lange hatte ich noch nie Rücken.
Tagebuch
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mayersnotizblog am 15.04.26
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