Samstag, 11. Juli 2026
Haltung Alter!
Zur Zeit bin ich Stammgast bei der Physiotherapie. Ziel ist es endlich weniger bzw. keine Schmerzen in der Lendenwirbelsäule zu haben. Selbige ist schon lange ohne TÜV u.a. geht der 4. Lendenwirbel auf Wanderschaft, aber der Orthopäde will eine OP solange vermeiden wie es irgendwie geht. Ganz meine Meinung.

Zum E-Gym gehe ich mittlerweile schon 18 Monate und das auch noch ziemlich regelmäßig und mit Freude, dazu mache vier bis fünf Mal die Woche morgendliche Gymnastik zu Hause. Für mich faules Schwein ein Wunder, aber die Angst vor dem Neurochirurgen macht es möglich. Ich hab' in den letzten Jahrzehnten soviel Rückengymnastikkurse besucht, dass ich mir immer ein ganz abwechslungsreiches Programm zusammenstellen kann.

Aber zurück zur Physio. Gestern fängt die Dame an meinen Bauch zu massieren, ich mach noch Scherze, ob sie jetzt meinem Speck was antut, aber dann habe ich gemerkt wie tief die Fachkraft sich da "hineingraben" kann. Ich habe Stellen meiner Rückenmuskulatur gespürt, von denen ich bislang gar nicht wusste, dass sie existieren. Kein Schmerz, sondern im wahrsten Sinne entzerrend. Dann habe ich zwei wirklich einfache Atemübungen gelernt (nicht meine Stärke so etwas beizubehalten, aber ich will es versuchen) und zu guter Letzt den Ratschlag, doch bei der morgendlichen Gymnastik einfach ordentlich dazustehen und in beiden Händen eine Hantel zu halten. Das wäre für meinen Rücken gut.

Ich habe nur zwei kleine Hanteln á drei Kilogramm und habe die beiden heute Morgen in ordentlicher Haltung eine Weile ganz ruhig festgehalten. Nach und nach begann eine Reihe von Fachkräften in meinem Schulter- und Nackenbereich mit Nachdruck zu arbeiten und mir wurde klar, dass es noch viele Kniffe gibt, die neben dem, was ich ohnehin schon praktiziere, für weitere Stabilität sorgen können. Kleine, schmerzhafte Nebenerkenntnis: seltener das Handy festhalten und wieder mehr Dinge am Rechner erledigen. Da halte ich mich gerade und habe ich mein kaputtes Gestell besser im Griff.


Mittwoch, 1. Juli 2026
Bücher mit KI schreiben - Fazit
Ich fasse mich kurz, denn wer "Die Schatten der Großväter" gelesen hat, hat es ohnehin am eigenen Leib zu spüren bekommen, dass das Ganze ein großer Unfug ist. Zu meiner großen Überraschung haut die KI allerdings besonders bei der Logik brutal daneben, während man sprachlich durchaus, je nach persönlichem Geschmack, ein wenig zufrieden sein kann. Das ist auch der Bereich, den ich oberflächlich nachbearbeitet habe. Die Logikkatastrophe blieb weitgehend erhalten. Für Euch und wegen Faulheit.

Tatsächlich schreibe ich übrigens an einem "echten" Buch, nur mit OI (own intelligence) und auch wenn Letztere mit Sicherheit gewaltige Löcher aufweist, so ist es doch eine ganz andere Befriedigung alles selbst zu erfinden. Leider habe ich nicht soviel Zeit wie ich dafür gerne verwenden würde, andererseits leide ich unter Phasen mit schlimmen Kreativitätslöchern in meiner Birne. Irgendwann wird es fertig sein, ob das Manuskript dann aber irgendeinen Verlag begeistern wird? Na ja...


Die Schatten der Großväter (5)
IX – Die Archive
Kapitel 29 – Das Stadtarchiv

Das Stadtarchiv lag in einem Gebäude, an dem Markus jahrelang vorbeigegangen war, ohne es wahrzunehmen. Ein Zweckbau, unscheinbar, grau. Er hätte überall stehen können. Vielleicht war genau das seine Aufgabe.
Drinnen war es kühl. Es roch nach Papier, nach Staub, nach Zeit. Markus meldete sich an, zeigte seinen Ausweis. Die Frau am Schalter sprach leise, routiniert. Für sie war dies Alltag. Für Markus war es neu.
Er saß an einem Tisch, vor sich einen leeren Platz. Es dauerte, bis die ersten Unterlagen kamen. Er wartete geduldig. Warten konnte er.
Als er die Akte öffnete, war er überrascht von der Nüchternheit. Keine Geschichte, keine Erklärung. Nur Einträge. Namen. Daten. Wohnorte. Bewegungen.
Johann Klose, geb. 1908, katholisch.
Markus las langsam. Er ließ jedes Wort wirken, als müsse er es sich verdienen. Es war wenig. Aber es war mehr als nichts.
Er schrieb sich alles ab. Mit der Hand. Er wollte den Kontakt spüren.
Kapitel 30 – Dokumente
In den nächsten Tagen kehrte Markus zurück. Er lernte, Formulare auszufüllen, Signaturen zu verstehen, Geduld aufzubringen. Die Vergangenheit ließ sich nicht drängen.
Er fand eine Meldekarte. Eine Adresse. Ein Umzug. Dann nichts mehr. Lücken, die sich nicht schließen ließen.
Markus merkte, wie sehr ihn diese Lücken beschäftigten. Sie waren kein Ärgernis, sondern ein Raum. Ein Raum für Vorstellung.
Er stellte sich Johann vor, wie er in einer fremden Stadt ankam, wie er sich einrichtete, wie er schwieg. Markus erkannte etwas davon wieder. Er wusste nicht, ob das gerecht war. Aber es war unvermeidlich.
Zwischendurch legte er Pausen ein, ging hinaus, atmete tief durch. Die Stadt erschien ihm verändert. Als läge unter allem eine zweite Schicht, unsichtbar, aber präsent.

Kapitel 31

Das Münchner Stadtarchiv umfing Markus mit seiner Kühle und dem Geruch, der ihm inzwischen vertraut war. Er hatte gelernt, sich durch die Regale zu bewegen, die richtigen Formulare auszufüllen, geduldig zu warten, bis ihm die Akten gebracht wurden. Heute suchte er nach Einträgen über Johann Klose, aber die Spur verlor sich immer wieder. „Wehrmachtsoldaten, 1945 entlassen“ – mehr stand nicht da. Kein Ort. Kein Schicksal. Nur ein Name, der in der Masse unterging.
„Sie suchen jemanden?“
Markus blickte auf. Ein Mann mittleren Alters, Sakko, mit einem Stapel Akten unter dem Arm. Sein Blick war freundlich, aber nicht aufdringlich. „Entschuldigen Sie die Störung. Ich bin Dr. Bauer. Ich arbeite hier manchmal.“
„Markus Huber.“ Er deutete auf die vor ihm liegenden Papiere. „Mein Großvater. Johann Klose. Aber ich finde kaum etwas.“
Dr. Bauer setzte sich ohne zu fragen zu ihm. „Klose, sagen Sie? 1945 entlassen?“ Markus nickte.
„Dann war er wahrscheinlich in einem der Lager.“ Der Historiker blätterte in seinen eigenen Unterlagen. „Viele Wehrmachtsoldaten kamen nach der Entlassung in Durchgangslager. Manche nur für Wochen. Manche für Monate.“ Er zog ein vergilbtes Dokument hervor. „Hier. Lager Leitenberg, 1945. Listen der Entlassenen. Klose… Klose…“ Sein Finger blieb stehen. „Hier. Johann Klose, geb. 1908. Entlassen am 12. Oktober 1945.“
Markus spürte, wie sein Herz schneller schlug. „Das ist er.“
„Dann wissen Sie vielleicht mehr, als Sie denken.“ Dr. Bauer schob ihm das Dokument zu. *„Sehen Sie hier? Die Spalte ‚Bemerkungen‘. Da steht ‚keine Anklage – Zeuge in Verfahren gegen Vorgesetzte‘.“
Markus starrte auf die Worte. „Was bedeutet das?“
„Es bedeutet, dass Ihr Großvater etwas gesehen hat. Etwas, das schwerwiegend genug war, um ihn als Zeugen aufzurufen.“ Der Historiker lehnte sich zurück. „Aber es bedeutet auch, dass er nicht angeklagt wurde. Das ist… ambivalent.“
„Hat er ausgesagt?“ Markus‘ Stimme war leise.
„Keine Ahnung. Die Akten dazu wären im Bundesarchiv. Aber…“* Dr. Bauer zögerte. „Manchmal sagt das Schweigen mehr als die Worte. Vielleicht wollte er nicht reden. Vielleicht durfte er nicht.“
Markus dachte an die Uhr. An das Ticken, das er jetzt immer hörte, selbst wenn sie in der Schublade lag. „Und wenn er einfach nur müde war?“
Dr. Bauer sah ihn an. „Dann wäre das auch eine Antwort.“
Er schloss den Ordner und schob ihn Markus zu. „Hier. Die Kopien können Sie behalten. Falls Sie noch mehr finden, lassen Sie es mich wissen.“
Markus steckte die Papiere in seine Mappe. Die Worte „keine Anklage – Zeuge in Verfahren“ brannten ihm noch immer im Kopf. „Danke“, sagte er. „Ich… ich weiß nicht, was ich damit anfangen soll.“
Der Historiker lächelte leicht. „Das kommt oft so. Man sucht nach Antworten und findet nur neue Fragen.“ Er zögerte. „Aber wenn Sie wirklich weitergraben wollen…“ Er blätterte in einem Stapel Formulare auf seinem Tisch. „Hier. Die Vertriebenenlisten für Bayern. 1945–1947. Falls Ihr Großvater – oder vielleicht ein anderer Verwandter – aus dem Sudetenland kam, könnte er da drinstehen.“
Er tippte auf eine Zeile: „So wie hier zum Beispiel, dürftig, aber immerhin: Königswald, Mai 1946. Familie Huber.“
Markus erstarrte. „Huber?“
„Ja. Ein Karl Huber, mit Frau und Kind. Aufgenommen in München, Hilblestraße 17.“ Dr. Bauer sah ihn an. „Das ist…?“
„In der Straße wohnen wir, also ich. Jetzt Maria-Luiko-Straße“, flüsterte Markus und imitierte unbewusst den Nachdruck auf Maria-Luiko, so wie Angelika es ausgesprochen hatte. „Davon war nie die Rede“ fügte er fast unhörbar hinzu“.
Eine Weile war es still. Dann sagte der Historiker leise: „Gefunden hätten Sie ihn sowieso, nur komisch, dass ich genau diese Stelle vorgelesen habe. Manchmal findet man die Spuren da, wo und wann man sie am wenigsten erwartet.“
Markus nahm das Formular entgegen. Die Buchstaben verschwammen vor seinen Augen. „Danke“, sagte er noch einmal.
Draußen, auf der Treppe des Archivs, blieb er stehen. Die Sonne brannte, aber er spürte sie nicht. In seiner Hand hielt er zwei Zettel: den einen über einen Großvater, der geschwiegen hatte. Den anderen über einen Großvater, der vertrieben worden war.
Als Markus die Kopien in seiner Mappe verstaute, spürte er, wie sich etwas in ihm verschob. Es war kein Trost. Keine Lösung. Aber es war ein Stück Wahrheit. Und das war mehr, als er gehabt hatte.

Kapitel 32 – Nähe

Sämtliche Unterlagen, alles was er hatte bekommen können, lag ausgebreitet auf dem Tisch. Angelikas Lampe brannte. Ihr warmes Licht machte die Dokumente weicher, menschlicher. Viel Papier auf dem wenig stand. Aber auch viel mehr als nichts. Markus hatte das Gefühl alles immer wieder durchlesen zu müssen, als könnte er zwischen den Zeilen etwas finden, das nicht da stand. Johann Klose, geb. 1908. Katholisch. Bäckerlehre. Einberufung 1939. Daten ohne Stimme. Zum ersten Mal empfand Markus so etwas wie Nähe zu einem Mann, den er nie gekannt hatte. Nicht aus Bewunderung, nicht aus Schuld. Aus Gemeinsamkeit.
Markus riss sich los von seinen Grübeleien und widmete sich wieder den Dokumenten. Unerwartet zwischen den Meldebescheinigungen, fand er doch noch etwas Neues oder vielleicht auch von ihm Vergessenes: einen vergilbten Zettel mit einer Adresse. Königswald, Sudetenland. Nicht Johanns Spur – sondern die von Karl Huber, dem anderen Großvater, dem Schweigsamen, dem Fremden.
Markus starrte auf den Ort. Er kannte den Namen aus Erzählungen, die keine waren – nur Bruchstücke, die sein Vater fallen ließ, wenn der Alkohol ihn redselig machte. „Von früher“, hatte Franz Huber immer gesagt. „Da gibt’s nichts mehr.“
Doch jetzt hielt er den Beweis in der Hand. Es gab etwas. Nicht viel. Aber genug, um hinzufahren.
Er buchte einen Mietwagen für den nächsten Tag. Nicht aus Hoffnung. Sondern weil er jetzt wusste, dass er nicht weiterkommen würde, wenn er nicht hinging. Wenn er nicht sah, was „nichts mehr“ wirklich bedeutete.
Die Uhr lag neben ihm. Sie tickte ruhig. Nicht drängend. Fast zustimmend.

Kapitel 33 – Die alte Straße

Die Fahrt war zu Ende. Markus faltete die veraltete Straßenkarte zusammen. Veraltet wie alles hier. Die Straßen führten oft ins Nichts, und die Dörfer, die er suchte, waren manchmal nur noch Namen auf einem Schild. Nun war er hier, in Königswald, dem Ort, den sein Vater immer nur „von früher“ genannt hatte. Er verharrte still. Die Luft roch nach feuchtem Holz und Moder, und der Wind strich durch die leeren Gassen, als würde er die Erinnerungen derer mitnehmen, die hier einst gelebt hatten.
Das Haus seiner Vorfahren war nicht mehr da.
An seiner Stelle stand ein neu gebautes Gebäude, ein flacher Betonklotz mit blätternder Farbe. Markus blieb davor stehen und spürte, wie sich etwas in ihm zusammenzog. Nicht Enttäuschung. Etwas Schlimmeres: Leere. Er hatte nicht erwartet, dass das Haus noch stehen würde. Ein verwildertes Grundstück hätte er ertragen, aber der Betonklotz traf ihn. Jetzt fühlte es sich an, als ob das Haus nie existiert hätte.
„Sie suchen etwas?“
Markus drehte sich um. Eine ältere Frau stand hinter ihm, in einem dunklen Mantel, die Hände in den Taschen vergraben. Ihr Blick war nicht misstrauisch, nur neugierig.
„Ich…“ Er zögerte. „Mein Großvater. Er hat hier gewohnt. Karl Huber.“
Die Frau musterte ihn einen Moment. Dann nickte sie langsam. „Huber… Ja. Die Hubers. Sie sind weggegangen. 1946, glaube ich. Oder 47.“ Sie deutete auf den Platz, wo einst das Haus gestanden hatte. „Hier. Aber das wissen Sie ja.“
„Nein“, sagte Markus leise. „Ich wusste es nicht. Nicht wirklich.“
Die Frau – sie stellte sich als Frau Novák vor – lud ihn in ihr Haus ein, nur ein paar Schritte weiter. Drinnen roch es nach Kräutern und altem Papier. Sie holte eine vergilbte Karte hervor, auf der die alten Grundstücke eingezeichnet waren. „Hier“, sagte sie und tippte mit dem Finger auf einen Punkt. „Das war ihr Haus. Ihr Vater war Bäcker, nicht wahr?“
Markus starrte auf die Karte. „Nein. Mein anderer Großvater war Bäcker. Dieser hier… ich weiß nicht, was er war.“
Frau Novák sah ihn an. „Er war einer von denen, die gehen mussten.“ Sie zögerte. „Manche sind freiwillig gegangen. Manche nicht. Ihr Großvater…“ Sie brach ab. „Er hat nicht viel gesagt. Aber er hat auch nicht gekämpft. Das war schon etwas.“
Markus spürte, wie ihm die Kehle eng wurde. „Wissen Sie, wohin sie gegangen sind?“
„Nach Bayern, glaube ich. Wie die meisten.“ Sie faltete die Karte zusammen. „Sie haben nichts mitgenommen. Nur, was sie tragen konnten. Als ob sie wussten, dass sie nicht zurückkommen würden.“
Draußen, vor dem Haus, blieb Markus noch einmal stehen. Der Wind pfiff durch die Bäume, und irgendwo in der Ferne klapperte ein alter Traktor über die Felder. Er dachte an seinen Vater, der nie über „von früher“ gesprochen hatte. Jetzt verstand er, warum.
Es war nicht nur Schweigen. Es war Verlust. Und Verlust hatte für ihn wohl keine Worte.

XI – Die Fragen
Kapitel 34 – Der Besuch

Markus fuhr an einem klaren Vormittag nach Nymphenburg. Die Bäume standen bereits in Blatt, ein helles, beinahe optimistisches Grün, das ihm unangemessen erschien. Er kam sich vor, als trüge er etwas Schweres durch eine zu leichte Jahreszeit.
Das Pflegeheim war ruhig. Zu ruhig. Geräusche wurden gedämpft, Stimmen gedrosselt. Markus meldete sich an, ging den bekannten Flur entlang. Zimmer 214.
Seine Mutter saß am Fenster. Sie hatte die Hände im Schoß gefaltet, als warte sie auf etwas. Als er eintrat, drehte sie den Kopf.
„Du bist früh“, sagte sie.
„Ich wollte reden“, antwortete Markus.
Sie nickte still. Das tat sie oft, wenn sie spürte, dass etwas kam, dem sie nicht ausweichen konnte.

Kapitel 35 – Die Fragen

Die Uhr lag zwischen ihnen auf dem Tisch wie ein fremdes Wesen, das plötzlich zum Leben erwacht war. Markus hatte sie absichtlich dort platziert, als er sich gegenübersetzte – nicht als Vorwurf, sondern als Beweis. Sieh her. Das ist wirklich. Das ist da. Wir können nicht mehr so tun, als gäbe es sie nicht.
Elisabeth betrachtete die Uhr, ohne sie zu berühren. Ihre Hände lagen regungslos im Schoß, die Finger ineinander verschränkt, als wollten sie sich gegenseitig Halt geben. „Du hast sie aufgezogen“, sagte sie leise. Es war keine Frage.
„Ja.“
„Sie tickt.“ Ein fast unhörbares Flüstern. „Ich habe sie jahrzehntelang nicht mehr ticken hören.“
Markus spürte, wie sich etwas in seiner Brust zusammenzog. Nicht Wut. Nicht Trauer. Etwas zwischen beidem, etwas Schweres, das keinen Namen hatte. „Warum nicht?“
Elisabeth hob den Blick. Ihre Augen waren klar, aber irgendwie leer, als hätte sie gelernt, alles, was zu viel war, darin zu verbergen. „Weil es genug Lärm gab.“
Er verstand sofort. Es war eine dieser Antworten, die alles und nichts sagten – typisch für sie, typisch für diese Familie. „Nicht dieser Lärm“, sagte er. „Den von draußen. Den von den anderen. Aber nicht… das hier.“ Er tippte mit dem Finger gegen das Ziffernblatt. Das leise Klick hallte im Raum nach.
Elisabeth atmete langsam aus. „Manche Dinge hört man besser nicht.“
„Aber du hast es gehört.“ Es war keine Frage. Sofort war es ihm sonnenklar. „Du hast es gehört, und dann hast du beschlossen, dass ich es nicht hören soll.“
Sie schwieg. Nicht aus Trotz, sondern weil sie nach Worten suchte. Oder weil sie wusste, dass es keine gab.
Markus spürte, wie seine Hände feucht wurden. Er presste sie gegen die Oberschenkel, als könnte er so die Unruhe in sich festhalten. „Was hat er getan, Mutter?“
Die Frage hing zwischen ihnen, scharf wie eine Klinge. Elisabeths Lippen bewegten sich, aber es kam kein Ton. Dann, ganz leise: „Lebt er noch in dir? Dein Vater?“
Die Frage traf ihn unerwartet. „Was?“
„Dein Vater. Lebt er noch in dir? Wenn du morgens aufwachst – ist da dann etwas von ihm?“ Sie sah ihn an, zum ersten Mal direkt, als würde sie versuchen, in ihm zu lesen, was sie selbst nicht sagen konnte.
Markus spürte, wie ihm die Kehle eng wurde. „Ich… ich weiß nicht.“
„Genau das.“ Ihre Stimme war jetzt fester, fast hart. „Genau das ist es. Wir wissen es nicht. Weil wir es nicht wissen wollen. Weil es einfacher ist, weiterzugehen, als stehen zu bleiben und hinzuschauen.“ Sie deutete auf die Uhr. „Das hier… das ist kein Ticken. Das ist ein Ruf. Und du bist der Erste, der ihn hört.“
„Warum ich?“ Seine Stimme brach fast. „Warum nicht du? Warum nicht er?“
„Weil wir müde waren.“ Sie klang nicht entschuldigend. Nur müde. „Weil wir dachten, wenn wir schweigen, verschwindet es. Aber das tut es nicht. Es wartet nur.“ Sie schloss die Augen. „Und jetzt wartet es auf dich.“
Markus spürte, wie etwas in ihm aufstieg – nicht Zorn, nicht Verzweiflung, sondern etwas Kaltes, Klares. Eine Art von Entschlossenheit, die er nicht kannte. „Was hat er getan?“, wiederholte er.
Elisabeth öffnete die Augen. Tränen glänzten darin, aber sie weinte nicht. „Er hat überlebt.“
„Das ist keine Antwort.“
„Doch.“ Sie beugte sich vor, nah genug, dass er den Geruch ihres Parfüms roch – Lavendel, wie immer, wie bei Angelika. „Er hat überlebt, und dann hat er gelebt. Und dann hat er geschwiegen. Wie alle. Weil wir dachten, das sei genug.“ Sie zögerte. „Aber es war nicht genug. Es war nie genug.“
Markus spürte, wie die Uhr in seiner Hand schwerer wurde. „Hat er…“ Er musste schlucken. „Hat er Menschen verletzt?“
Elisabeths Atem stockte. „Jeder hat in diesem Krieg Menschen verletzt. Manche mit den Händen. Manche mit den Augen. Manche einfach, indem sie weggeschaut haben.“ Sie strich mit den Fingern über den Tisch, als würde sie Staub wegwischen. „Dein Großvater war kein Monster. Aber er war auch kein Heiliger. Er war ein Mann, der Befehle befolgt hat. Der geglaubt hat, dass Schweigen ihn retten würde.“ Sie blickte auf. „Und vielleicht hat es das ja auch. Für eine Weile.“
Markus spürte, wie ihm übel wurde. Nicht wegen dem, was sie sagte, sondern wegen dem, was sie nicht sagte. „Und du? Hast du weggeschaut?“
Sie lächelte traurig. „Ich habe gelernt, nicht hinzuschauen. Das ist nicht dasselbe.“
„Aber es ist auch nicht anders.“
„Nein.“ Sie nahm seine Hand. Ihre Haut war dünn, fast durchscheinend, die Adern blau unter der Oberfläche. „Es ist nicht anders. Und jetzt musst du entscheiden, was du damit machst.“
Er zog die Hand zurück. Nicht, weil er sie nicht berühren wollte, sondern weil er spürte, dass er gleich zerbrechen würde, wenn er es zuließ. „Warum gibst du mir das jetzt? Warum nicht früher?“
„Weil ich dachte, du bräuchtest es nicht.“ Ihre Stimme war nur noch ein Hauch. „Und weil ich Angst hatte. Dass du mich dann nicht mehr liebst. Dass du ihn nicht mehr liebst.“
Das traf ihn wie ein Schlag. „Ich liebe einen Mann, den ich nicht kenne.“
„Genau das.“ Sie lehnte sich zurück, als hätte sie alle Kraft verloren. „Und jetzt kennst du ihn ein bisschen. Und das ist schlimmer, als ihn nicht zu kennen. Weil du jetzt entscheiden musst, was du mit diesem Wissen anfängst.“
Markus stand auf. Die Uhr nahm er mit. Sie fühlte sich heiß an in seiner Hand, als würde sie brennen. „Ich gehe jetzt.“
Elisabeth nickte. „Komm wieder.“
„Ja.“
Aber beide wussten, dass es nicht stimmt.

Kapitel 36 – Die Last

Markus ließ nicht locker.
„Warum hast du mir nichts erzählt?“, fragte er. „Warum habt ihr immer geschwiegen?“
Elisabeth schloss die Augen. Als müsse sie Kraft sammeln.
„Weil wir froh waren, dass es vorbei war“, sagte sie. „Weil wir weiterleben wollten. Weil Erinnerungen gefährlich waren.“
„Für wen?“, fragte Markus.
„Für alle“, sagte sie. „Für ihn. Für uns. Für euch.“
Sie öffnete die Augen wieder. Sie waren klarer, als Markus erwartet hatte.
„Wir wollten, dass du es leichter hast.“
Markus nickte langsam. Er verstand es. Und doch spürte er etwas wie Widerstand.
„Es war nicht leichter“, sagte er leise. „Es war nur stiller.“
Elisabeth sah ihn lange an. Dann legte sie die Hand auf die Uhr.
„Dann nimm sie“, sagte sie. „Und frag weiter. Ich kann nicht mehr alles tragen.“
Markus nahm die Uhr. Sie fühlte sich wärmer an als zuvor.

XII – Nachhall
Kapitel 37 – Danach

Nach dem Besuch bei seiner Mutter ging Markus zu Fuß nach Hause. Er ließ die U-Bahn aus, obwohl der Weg weit war. Er wollte gehen, Schritt für Schritt, als müsse er das Gesagte erst im Gehen verstehen.
Die Stadt war laut, aber sie störte ihn nicht. Autos, Stimmen, Baustellen. All das war Oberfläche. Darunter lag etwas anderes, schwereres.
Er dachte an das Wort müde. So hatte seine Mutter den Vater beschrieben. Nicht schuldig, nicht stolz. Müde.
Markus erkannte darin etwas von sich selbst. Eine Müdigkeit, die nicht vom Körper kam, sondern von der Dauer. Vom Aushalten.
Zu Hause legte er die Uhr auf den Tisch und setzte sich daneben. Er tat nichts. Er wartete nicht einmal. Er war einfach da.
Es war ein neues Gefühl. Unangenehm. Aber ehrlich.

Kapitel 38 – Johann

In den folgenden Tagen begann Markus, Johann nicht mehr nur als Akte zu sehen, sondern als Möglichkeit. Er stellte sich vor, wie dieser Mann morgens aufstand, ohne zu wissen, was der Tag bringen würde. Wie er sich anzog, die Uhr anlegte, die Zeit prüfte, obwohl sie ihm längst nicht mehr gehörte.
Markus versuchte, sich Johanns Rückkehr vorzustellen. Die Fremdheit im Eigenen. Die Unfähigkeit, zu erzählen. Die Entscheidung, zu schweigen, nicht aus Bosheit, sondern aus Notwendigkeit.
Er merkte, dass er Johann nichts vorwarf. Vielleicht, weil Vorwürfe eine Richtung brauchten. Und diese Richtung fehlte.
Stattdessen empfand er etwas wie Traurigkeit. Eine ruhige, weite Traurigkeit, ohne Ziel.
Er schrieb es auf. Nicht viel. Keine großen Sätze. Nur Eindrücke. Vermutungen. Leerstellen.

Kapitel 39 – Karl

Parallel dazu trat Karl Huber deutlicher hervor. Nicht durch Dokumente, sondern durch das, was fehlte. Markus erinnerte sich an seinen Vater, an dessen Schweigsamkeit, an die Art, wie er beim Abendessen den Blick senkte, wenn es um Herkunft ging.
Karl hatte verloren, was Johann behalten durfte: einen Ort, eine Selbstverständlichkeit. Dafür hatte er etwas anderes entwickelt: Härte. Rückzug. Zorn, der keinen Adressaten fand.
Markus stellte sich Karl vor, wie er im neuen Land stand, fremd, misstrauisch, gezwungen, sich neu zu erfinden, ohne Werkzeuge dafür zu haben. Wie er beschloss, nichts zurückzulassen außer sich selbst.
Beide Großväter hatten geschwiegen. Aus unterschiedlichen Gründen. Mit ähnlichen Folgen.
Markus spürte, dass sich hier etwas beendete. Kein sich schließender Kreis, eher eine Linie, die durch ihn hindurchlief.
Er war nicht mehr nur der, der nichts wusste. Er war der, der gefragt hatte. Und der, der zumindest einen Teil von dem tragen konnte, was andere abgelegt hatten.

XIII – Das Schreiben
Kapitel 40 – Der Anfang

Markus begann nicht mit einem Plan. Er setzte sich an den Schreibtisch, Angelikas alte Lampe eingeschaltet, und schlug das Notizbuch auf, das inzwischen viele Seiten füllte. Die Handschrift war ordentlich, aber nicht gleichmäßig. Sie verriet Anstrengung.
Er schrieb den Namen noch einmal: Johann Klose. Darunter: 1908–?
Das Fragezeichen ließ er stehen. Es gefiel ihm. Es war ehrlich.
Er merkte, dass er nicht chronologisch schreiben konnte. Die Zeit ließ sich nicht ordnen, sie ließ sich nur umkreisen. Also schrieb er, was kam: Bilder, Gedanken, Vermutungen. Sätze, die er wieder strich. Andere, die er stehen ließ, obwohl er sich ihrer nicht sicher war.
Das Schreiben verlangsamte ihn. Es zwang ihn, bei Dingen zu bleiben, die er sonst rasch beiseite gelegt hätte. Gefühle, die keinen Namen hatten. Erinnerungen, die eher Stimmungen waren.
Manchmal stockte er. Dann sah er auf die Uhr. Sie tickte gleichmäßig. Nicht ermutigend, auch nicht drängend.

Kapitel 41 – Die Verbindung

Je mehr Markus schrieb, desto deutlicher erkannte er die Linien. Johann und Karl, so verschieden ihre Geschichten waren, hatten ihm etwas Gemeinsames hinterlassen: Vorsicht. Zurückhaltung. Das Misstrauen gegenüber großen Worten.
Er schrieb über seinen Vater, ohne dessen Namen oft zu nennen. Über die Art, wie Franz Huber beim Erzählen innehielt, als prüfe er jedes Wort auf Gefahr. Über die Mutter, die gelernt hatte, das Schweigen zu verwalten.
Und schließlich schrieb er über sich selbst. Zögernd. Mit Widerstand.
Er erkannte, wie sehr er sein Leben auf Sicherheit gebaut hatte. Beamter. Ehemann. Kein Risiko. Keine Kinder. Keine Brüche. Es war ein gutes Leben gewesen. Aber auch ein geschlossenes.
Angelika tauchte zwischen den Zeilen auf, ohne dass er sie gezielt herbeirief. Ihre Offenheit, ihre Sprache, ihre Geduld. Sie war der einzige Mensch gewesen, der das Schweigen nicht übernommen, sondern umgangen hatte.
Markus schrieb ihren Namen. Mehrmals.

Kapitel 42 – Der Sinn

An einem Abend legte Markus den Stift aus der Hand und lehnte sich zurück. Der Text vor ihm war unvollständig, fragmentarisch. Und doch fühlte er sich richtig an.
Er wusste, dass er keine Wahrheit gefunden hatte. Zumindest keine endgültige. Aber er hatte etwas anderes erreicht: Zusammenhang.
Die Geschichten der Großväter standen nicht mehr isoliert nebeneinander. Sie berührten sich in ihm. Und er hielt sie aus.
Markus dachte daran, dass es niemanden gab, dem er das alles weitergeben musste. Keine Kinder, keine direkten Nachkommen. Der Gedanke schmerzte kurz, aber nicht mehr wie früher.
Vielleicht, dachte er, musste Erinnerung nicht vererbt werden, um gültig zu sein. Vielleicht reichte es, sie nicht verschwinden zu lassen.
Er schloss das Notizbuch. Die Uhr tickte weiter.
Zeit, dachte Markus, ist nicht das, was vergeht.
Zeit ist das, was bleibt, wenn man hinsieht.

XIV – Der Sommer 2025
Kapitel 43 – Bewegung

Der Sommer kam früh in diesem Jahr. Die Hitze lag schon im Juni über der Stadt, schwer und träge. Markus öffnete morgens die Fenster und ließ die Geräusche herein, ohne sie gleich wieder auszusperren.
Er ging wieder öfter hinaus. Nicht aus Pflicht, sondern aus einem vagen Bedürfnis nach Teilnahme. Er setzte sich in Cafés, las, beobachtete Menschen. Familien, Paare, Einzelne. Er sah ihnen länger zu als früher, als müsste er sich vergewissern, dass sie wirklich da waren.
Manche Freunde meldeten sich wieder. Markus sagte nicht mehr so oft ab. Er erzählte nicht viel, aber er hörte anders zu. Aufmerksamer. Geduldiger.
Er merkte, dass sich etwas verschoben hatte. Nicht dramatisch. Eher wie ein Gewicht, das man unmerklich anders trägt.
Die Uhr trug er nun regelmäßig. Sie war kein Schmuck, sondern Begleitung.

Kapitel 44 – Die Wohnung

Eines Nachmittags räumte Markus das Arbeitszimmer um. Er stellte den Schreibtisch näher ans Fenster. Das Licht fiel nun direkter auf die Oberfläche, auf das Notizbuch, auf die losen Blätter, die sich über Monate angesammelt hatten.
Er ordnete nichts neu. Er ließ die Dinge, wie sie waren. Unvollständig. Offen.
Angelikas Lampe blieb stehen. Markus schaltete sie ein, obwohl es hell war. Es gefiel ihm, dass ihr Licht da war, zusätzlich, nicht notwendig, aber vertraut.
Er dachte an sie, ohne Schmerz, ohne Abwehr. Sie war Teil dessen geworden, was er trug. Nicht mehr nur Verlust.
Markus verstand, dass Erinnerung kein Rückzug war. Sie konnte auch ein Schritt nach vorn sein.

Kapitel 45 – Weitergeben

An einem Sonntag ging Markus in den Englischen Garten. Er setzte sich auf eine Bank, die Uhr am Handgelenk, das Notizbuch im Rucksack. Er schrieb nicht. Er schaute.
Kinder spielten, ältere Menschen gingen langsam vorbei, Paare stritten leise. Leben in allen Übergängen.
Markus wusste nicht, was aus seinen Aufzeichnungen werden würde. Vielleicht würde er sie einem Archiv übergeben. Vielleicht würden sie ungelesen bleiben. Das war nicht mehr entscheidend.
Entscheidend war, dass er gefragt hatte. Dass er getragen hatte, was andere abgelegt hatten. Dass die Schatten der Großväter so etwas wie lebendige Namen und zumindest Bruchstücke ihrer Geschichte bekommen hatten.
Er stand auf, ging langsam zurück in Richtung Stadt. Die Uhr tickte.
Zeit ging weiter. Aber sie war nicht mehr leer.

Epilog – Das Weitergeben

Der Sommer 2025 war heiß, aber nicht erdrückend. Die Hitze lag wie ein dünnes Tuch über der Stadt, das man mit einer Geste hätte wegziehen können. Markus saß am Küchentisch, die Uhr vor sich, daneben das Notizbuch, das er in den letzten Monaten gefüllt hatte. Die Seiten waren nicht mehr leer, aber sie waren auch nicht voll. Es waren Fragmente. Bruchstücke. Dinge, die er wusste, und Dinge, die er nie wissen würde.
Er hatte lange überlegt, was er mit der Uhr tun sollte. Sie in eine Schublade zu legen, kam ihm nicht in den Sinn. Sie war kein Schmuckstück, kein Erbstück, das man einfach weitervererbte. Sie war eine Frage. Und Fragen gehörten nicht in eine Schublade.
Drei Tage zuvor hatte er einen Brief erhalten. Von der Universität. Eine Studentin der Geschichte, Lena Voss, hatte ihm geschrieben. Sie recherchierte für ihre Abschlussarbeit über „Alltagssorgen und -geschichten der Sudetendeutschen in der Nachkriegszeit“ und war auf seine Anfragen im Stadtarchiv gestoßen. „Ihre Notizen zu Johann Klose haben mich sehr berührt“, hatte sie geschrieben. „Falls Sie Lust haben, würde ich gerne mehr darüber erfahren. Ihre Adresse hat mir Dr. Bauer verraten.“
Markus hatte den Brief mehrmals gelesen. Er hatte nicht geantwortet.
Jetzt, an diesem Nachmittag, packte er die Uhr vorsichtig in die kleine Holzkassette, in der er sie gefunden hatte. Dazu legte er das Notizbuch, die Kopien der Archiveinträge, die Fotos, die er von Elisabeth bekommen hatte. Und einen kurzen Zettel:
„Für Lena Voss – Manche Geschichten enden nicht. Sie warten nur darauf, dass jemand sie weiterschreibt. Vielleicht finden Sie Worte, die mir fehlten. Markus Huber, München, September 2025“
Er schloss die Kassette, knotete ein Band darum und schrieb die Adresse der Studentin darauf. Keine Erklärung. Keine Entschuldigung. Nur die Gewissheit, dass es jetzt an jemand anderen ging.
Als er das Paket zur Post brachte, spürte er, wie leicht seine Schritte plötzlich waren. Nicht, weil eine Last von ihm abgefallen war. Sondern weil er verstand, dass er sie nicht mehr allein tragen musste.
Die Uhr tickte nicht mehr in seiner Hand oder auf seinem Knie ticken, während er sie, auf dem Boden sitzend, anstarrte. Aber irgendwo würde sie weiterticken.


Donnerstag, 25. Juni 2026
Die Schatten der Großväter (4)
VII – Die Zeit danach
Kapitel 23 – Einsamkeit

Nach Angelikas Tod war die Wohnung zunächst voller Menschen gewesen. Ihre Verwandtschaft, Kollegen, Bekannte. Sie brachten Kuchen, sagten Sätze, die sie für tröstlich hielten. Markus hörte zu, nickte, dankte. Er funktionierte.
Als die Wohnung sich wieder leerte, blieb etwas zurück, das sich nicht benennen ließ. Eine Schwere, die nicht drückte, sondern zog. Als würde jeder Raum an ihm zerren.
Markus bewegte sich vorsichtig durch die Tage. Er stellte Tassen ab, ohne sie auszutrinken. Er öffnete Fenster und vergaß, sie wieder zu schließen. Die Zeit verlor ihre Ränder. Vormittage gingen in Nachmittage über, ohne dass er den Übergang bemerkte.
Abends saß er oft auf dem Sofa, das Licht gedimmt, und hörte den Geräuschen der Straße zu. Stimmen, Schritte, Motoren. Leben, das an ihm vorbeiging. Er fühlte sich nicht ausgeschlossen, eher zurückgelassen. Wie ein Koffer, der endlos Runden auf einem Gepäckband fuhr und nicht abgeholt wurde.
Angelika fehlte ihm nicht nur als Person, sondern als Resonanz. Sie hatte seine Sätze aufgenommen, selbst die halben, die unsicheren. Jetzt blieben sie in ihm stecken, ungesagt, unfertig.
Manchmal sprach er ihren Namen laut aus, nur um sicherzugehen, dass er ihn noch sagen konnte.

Kapitel 24 – Die Pensionierung

Die Pensionierung kam leise. Kein Abschied, der diesen Namen verdient hätte. Eine kleine Feier, belegte Brötchen, ein paar wohlmeinende Worte. Markus nahm die Glückwünsche entgegen, als gälten sie jemand anderem.
Am nächsten Morgen wachte er zur gewohnten Zeit auf. Er blieb liegen. Niemand wartete auf ihn. Kein Termin, keine Akte, keine Telefonate.
Die Tage dehnten sich. Markus versuchte, ihnen Struktur zu geben. Er ging spazieren, erledigte Einkäufe, las Zeitung. Doch alles fühlte sich provisorisch an, als würde er auf etwas warten, das nicht kam.
Die Langeweile war nicht leer. Sie war schwer. Sie füllte den Raum zwischen den Tätigkeiten, legte sich auf seine Gedanken. Markus merkte, dass Arbeit ihn früher nicht erfüllt, sondern geschützt hatte. Vor sich selbst.
Freunde meldeten sich. Er sagte oft ab. Es kostete ihn zu viel Kraft, zu erklären, warum er nichts zu erzählen hatte.
Abends ging er früh ins Bett. Der Schlaf kam jedoch spät.

Kapitel 25 – Stillstand

Im Frühjahr 2025 bemerkte Markus, dass er sich selbst fremd geworden war. Seine Bewegungen waren langsamer, bedächtiger. Als müsste er sich vergewissern, dass der Boden noch trug.
Er begann, Dinge anzusehen, die er lange ignoriert hatte. Regale, Schubladen, alte Unterlagen. Angelikas Sachen. Seine eigenen.
Die Wohnung schien voller Erinnerungen zu sein, die sich nicht aufdrängten, sondern warteten. Markus spürte, dass er sich bewegen musste, innerlich. Aber er wusste nicht wohin.
Es war eine stille Verzweiflung, ohne Drama. Kein Zusammenbruch, keine Tränen. Nur das Gefühl, dass die Zeit ihn überholt hatte und nun stehen geblieben war, um ihm zuzusehen.
Als er schließlich die Uhr fand, war es kein Moment der Erschütterung, sondern der leisen Irritation. Etwas in ihm regte sich. Vorsichtig. Unentschlossen.
Vielleicht, dachte Markus, war das noch nicht alles gewesen.

VIII – Die Uhr
Kapitel 26 – Aufräumen

Markus machte an einem Vormittag mit dem aufzuräumen weiter, der sich von anderen Vormittagen nicht unterschied. Grauer Himmel, milde Kälte, das diffuse Licht eines Münchner Frühjahrs. Er hatte nichts geplant. Vielleicht war es genau dieses Grau.
Er nahm Kartons aus dem Keller, stellte sie im Wohnzimmer auf. Sozialkaufhaus, hatte er auf einen geschrieben. Die Buchstaben waren ordentlich, fast streng. Er mochte klare Beschriftungen.
Angelikas Kleidung gab er leichter weg, als er erwartet hatte. Er nahm ein Stück heraus, hielt es kurz, legte es hinein. Keine großen Gesten. Keine Tränen. Er wunderte sich darüber und schämte sich ein wenig.

Kapitel 27 – Die Zeit

Er setzte sich zum x-ten Mal auf den Boden, die Uhr auf einem Knie. Das Wohnzimmer war still. Kein Fernseher, kein Radio. Nur sein Atem.
J. K., 1938.
Markus sprach die Initialen leise aus. Johann Klose. Sein Großvater. Ein Mann, über den nie gesprochen worden war. Nicht aus Verachtung, sondern aus Gewohnheit.
Markus versuchte, sich an seine Stimme zu erinnern. Es gab keine Erinnerung. Nur das Wissen, dass es ihn gegeben hatte.
Das Ticken der Uhr veränderte in all der Stille den Raum. Es wirkte nicht aufdringlich. Es war da. So wie etwas da ist, das lange gewartet hat.
Markus dachte an Zeit. An all die Jahre, die er nicht gefragt hatte. An all die Antworten, die niemand mehr geben konnte. Und an sich selbst, der nun hier saß, ohne Aufgabe, ohne Richtung.
Vielleicht, dachte er, war die Uhr nicht nur eine Entdeckung. Vielleicht war sie zugleich ein Auftrag.

Kapitel 28 – Der Entschluss

Am Abend legte Markus die Uhr neben sein Bett. Er hörte ihr Ticken, er empfand es erstmals als Forderung. Bald schlief er ein.
Am nächsten Morgen setzte er sich an den Küchentisch, nahm ein leeres Notizbuch, starrte eine Weile unentschlossen auf die leere, erste Seite und schrieb endlich oben auf die erste Seite einen Namen:
Johann Klose - Darunter ein Datum: 1908.
Er wusste nicht, was er suchte. Wahrheit vielleicht. Oder Zusammenhang. Oder nur Bewegung. Markus spürte zum ersten Mal seit Langem so etwas wie Erwartung. Sie war klein, unscheinbar, aber sie war da. Ein leiser Zug nach vorn. Er wusste, dass er spät dran war. Aber spät war besser als nie. Die Suche im Internet genügte ihm nicht mehr. Er wollte Akten sehen. Altes, staubiges Papier.
Die Uhr tickte. Zeit, dachte Markus, war vielleicht nichts anderes als die Summe dessen, was man sich zu erinnern traute.


Mittwoch, 17. Juni 2026
Kotztüte und Klärwerk
In den sozialen Netzwerken gibt es unglaublich viele Postings voller Hass, Verachtung, Herabwürdigung, Bedrohung und grober Beleidigungen. Aus voller Deckung abgeschossen, der Anonymität wird gehuldigt. Vielleicht zu Recht, zumindest für die Netten, Anständigen, Ehrlichen. Das ist immer noch die große Mehrheit, aufgrund der inneren Haltung jedoch nicht auf große Schreierei geeicht.

Der Ruf nach Authentifizierung in sozialen Netzwerken ertönt zu Recht, aber dass das nicht alle gut finden verstehe ich auch. Ich selber habe noch gar keine endgültige Meinung dazu.

Eine Alternative wäre vielleicht eine „Kotztüten Funktion“ für bestehende Netzwerke / Apps... Eine Art digitaler Pranger.

Ein Beispiel: Wer durch üble Postings auffällt, bekommt ein Kotztütenemoji auf das Profilbild „geklebt“, das man nicht entfernen kann, Beiträge können nicht mehr kommentiert werden, so einem Account können keine weiteren User mehr folgen und nach einer bestimmten Zeitspanne erscheint ein Video in dem eine Hand an der Schnur einer altertümlichen Toilettenspülung zieht und der gesamte Inhalt des betreffenden Accounts ist gelöscht. (Vielleicht mietet ein Hersteller eines WC Reinigers sogar eine mögliche Werbefläche am Spülkasten ;-) )

Einige Tage später wird der leere Account wieder voll funktionsfähig. Zweite Chance incl. „Zweite Chance“ Emoji, das bei Bewährung nach einiger Zeit verschwindet.

Sollte sich der Stil der Postings jedoch nicht ändern, wird ein Klärwerkemoji auf das Profilbild „geklebt“, das man nicht entfernen kann, Beiträge können nicht mehr kommentiert werden, so einem Account können keine weiteren User mehr folgen und der Account wird nach einiger Zeit unweigerlich gelöscht.

Vielleicht hilft das mehr als blocken, melden, löschen?

Anfänglich kann das schon ein „Sport“ für besonders Blöde werden, aber auf Dauer vielleicht doch zu nervig für die Hater?


Dienstag, 16. Juni 2026
Die Schatten der Großväter (making of)
Keine Angst! Die Geschichte wird schon zu Ende erzählt. Aber hier ist eine Unterbrechung notwendig, um ein wenig Licht ins Dunkel zu bringen.
Ich bin ein Spielkind und als ein solches muss ich natürlich verschiedenste Dinge wenigstens einmal in die Hand genommen haben, das Meiste um es alsbald wieder wegzuwerfen. So ist das auch mit KI. Da ich nur über äußerst bescheidene Fähigkeiten im Umgang mit meiner Gitarre verfüge, habe ich einen kostenlosen Account bei einem geeigneten Anbieter eröffnet und mich dort mit der "Erschaffung" neuer Songs beschäftigt. Ich habe ordentlich beschrieben was ich bekommen wollte und einige der Songtexte auch selbst verfasst. Oberflächlich betrachtet waren die Qualitäten der generierten Werke aus den Genres Loungemusic, Soul und Bluesrock grottenschlecht bis Top 10 in irgendwelchen Charts. Weniger oberflächlich betrachtet ist das alles nichts wert. Es mag in den Bezahlvarianten dieses Anbieters aufwändiger generierte Ergebnisse geben, hier jedoch wurden die Melodien einfach mit einem "Geräuschteppich" unterlegt, der den Klang voller erscheinen ließ. Für mich nur mit Kopfhörer und größerer Lautstärke erkennbar, aber trotzdem ein billiger Trick. Soweit dazu.
Wie gesagt, ich bin ein Spielkind und der Weg bis zur KI-Fabrikation vom Schatten der Großväter war nicht weit. Da ich mich in der "Schreiberei" möglicherweise besser zurechtfinde als in der Musik, habe ich hier mehr Vorarbeit geleistet. Ich habe einen Plot geschrieben, die Person "Markus" beschrieben, ebenso die "Angelika" und auch ein paar der anfänglichen Kapitel "gezimmert". Damit habe ich zunächst Chat GPT "gefüttert" und die Geschichte in etappenweiser Zusammenarbeit zu Ende gebracht. Das Ergebnis habe ich genommen und LE Chat damit gefüttert. Auftrag war die Sprache zu harmonisieren und inhaltliche Fehler zu finden. Arbeitsweise wie oben. Bei beiden KI's hatte ich einen kostenlosen Account angelegt. Ergebnis: Die Angleichung der Sprache funktionierte exzellent, sogar die Aufgabe, die "Angelikapassagen" etwas wärmer zu gestalten. Der Rest war kaum zu gebrauchen. Zwar enthielten die vorgeschlagenen Texte durchaus pfiffige Ideen, aber auch massenhaft krasse Logikfehler, nach der "Revision" kaum weniger. Ich habe natürlich noch einmal alles überarbeitet, aber die Frage, ob ich jeden Blödsinn aufgedeckt habe, würde ich mit "wahrscheinlich nicht" beantworten.
Fazit 1: Bis auf ein paar gute Ideen und die hier notwendige Anpassung der Sprachstile weitgehend unbrauchbar.
Fazit 2: Sowohl Musik wie auch Literatur auf diese Weise erzeugen zu wollen, ist für den Hausgebrauch vielleicht ganz lustig. Veröffentlichungen um damit Geld zu verdienen sind unangemessen und ich empfinde das eher als ethische Schandtat.