Baltikum
Ein paar Tage bin ich wieder zuhause und finde nun die Zeit ein wenig von unserer Reise zu berichten.
14 Tage sind wir per Gruppenreise durch die drei baltischen Staaten gereist und haben dabei eine Menge gelernt. Zuerst, dass diese Staaten durchaus nicht vergleichbar sind. Geographisch ja, in Hinsicht auf die jüngere Geschichte auch und danach hört es auf.
Die Reiseführerin war eine gebürtige Lettin und hatte einen unglaublichen Wissensschatz in Sachen Kunst, Kultur, Geschichte und Architektur parat. Beeindruckend! Ich will Euch aber nicht langweilen mit all den Orten, Daten und Geschichten zu unseren Stationen, sondern versuchen meine persönliche Essenz aus diesen Tagen wiederzugeben.
Das Grundrauschen ist ein Gefühl von Weite und Stille. Wälder, Wiesen, Seen und Meer im Überfluss und mit Ausnahme der wenigen Großstädte dünn besiedelt. In Zahlen heißt das, auf 175.000 km² leben etwas mehr als 6 Millionen Menschen. Das sieht in der Hauptreisezeit von 1. Juli bis Ende September mancherorts natürlich ganz anders aus, Betonung auf "mancherorts". Ich konnte nicht genug von diesen menschenleeren Landschaften "aufsaugen". Zwei Highlights diesbezüglich sind die Kurische Nehrung in Litauen und die Insel Saaremaa in Estland. In Nida auf der Kurischen Nehrung kommt das Sommerhaus von Thomas Mann als tolles Extra noch oben drauf. Wenn man von dort aufs Meer blickt versteht man...
Das andere sind die Städte. Geschichte trifft auf Kraft klingt vielleicht blöd, aber mein Slogan ist begründbar. Die Kriege haben viel zerstört, das Unwesen der Russischen Besatzer hat zusätzlich eine Menge verkommen lassen. Glück im Unglück war, dass die Russen vielerorts einfach zu faul waren, um ihr Werk zu vollenden. Oft hat man zwar Kirchen als Lagerhallen oder ähnlich profane Dinge gebraucht, hat aber Gemälde einfach übermalt und jede Instandhaltung unterlassen. Das bedeutet, man hat sie nicht abgerissen! Die Chance zur Renovierung wurde und wird bei den historisch bedeutendsten Gebäuden genutzt, sofern sich etwas retten lässt. Beispiele sind das herrliche Barockschloss in Rundale (Lettland) oder die Kirche St. Peter und Paul in Vilnius (Litauen). Dazu gibt es in Riga, der Hauptstadt Lettlands mehr als 600 Jugendstilhäuser zu bestaunen, die meisten renoviert. Weiterhin gibt es eine enorme Bautätigkeit. Neue Wohnquartiere und Bürotürme sprießen aus dem Boden, während man andernorts noch mit den Katastrophen der sozialistischen Plattenbauära kämpft. Ganze Siedlungen gibt es, in denen die Bewohner ihre Heizung nicht selbst regeln können. Im Herbst wird aufgedreht, im Frühling wieder zu. Ohne Rücksicht auf Verluste! Viele Leute können sich aber gar keine andere Wohnung leisten, also muss man noch für lange Zeit mit diesem Übel leben. Was mit denen geschieht, die bald auch ihre Heizkosten nicht mehr bezahlen können? Ungeklärt. Fast alle sind nämlich Eigentümer ihrer Wohnungen und kaum eine Eigentümergemeinschaft hat das Geld für Umbau oder Sanierung.
Aber zurück zum Erfreulichen. Die Kraft des Aufbruchs ist auch nach über 30 Jahren seit der Befreiung spürbar. Etwa in der unglaublichen Solidarität mit der Ukraine! Es gibt kaum ein öffentliches Gebäude in den drei Staaten, an denen nicht auch eine ukrainische Flagge weht. Man merkt es am tiefen Misstrauen gegenüber den russischsprachigen Minderheiten, besonders in Lettland und Estland. Sie wollen und werden sich ihre Freiheit nicht mehr nehmen lassen! Man merkt es an der verbindenden Kraft der alten Volksmusik (auch Trachten spielen eine große Rolle), die Nation und Zusammenhalt in unglaublichem Ausmaß definiert. Im Waldpark bei Riga gibt es eine neue Open Air Bühne für 13.000 Sänger und etwa 100.000 Gäste! Wenn man dort steht, dann bekommt man schon in der leeren Arena Gänsehaut! Empfehlenswert ist auch das dazugehörende Museum, u.a. mit einer tollen Multimediashow. Ein ganz ähnliches Bauwerk, nur älter, gibt es übrigens in Tallin zu bestaunen.
Ich könnte noch lange weiterschreiben, aber das Wesentliche was mich innerlich bei dieser Reise bewegt hat, ist hiermit in aller Kürze niedergeschrieben.
Tagebuch
|
mayersnotizblog am 07.06.26
|
Permalink
|
0 Kommentare
|
kommentieren

Ein inspirierender Abend...
war das, gestern in Augsburg, Kongress am Park.
Zur Aufführung kamen
zwei Sinfonien:
Ludwig van Beethoven (1770 – 1827): Sinfonie Nr. 6 F-Dur op. 68 »Pastorale«
und
Wolf Kerschek (*1969): »orbis aquarum – Eine neue Wassermusik« URAUFFÜHRUNG
Thematisch zusammenpassend, musikalisch schwarz/weiß, alles andere wäre auch ein Wunder gewesen bei dem zeitlichen Abstand der Entstehung beider Werke. Die Sinfonie Nr. 6 von Beethofen habe ich schon ein paar Mal gehört in meinem Leben, aber auch noch nie live erlebt. Das Klangerlebnis im Saal des Kongresszentrums war überraschend gut, um nicht zu sagen hervorragend. Insoweit habe ich auch das bekannte Werk ganz neu gehört. Die Sinfonie von Wolf Kerschek hingegen hat mich schier umgehauen. Klassischer Aufbau, Umsetzung mit ganz großem Orchester incl. verschiedene Percussion, Harfe, Orgel, und zwei jungen Künstlern mit einer offensichtlich besonderen Querflöte (?) und einem Schlaginstrument, das ich noch nie zuvor gesehen hatte. Fazit in meiner Gefühlswelt: Wasser kann man nie ganz bändigen. Thema getroffen! Schlicht großartig, so großartig, dass ich heute Nacht davon geträumt habe und das ist mir wirklich noch nie passiert.
Tagebuch
|
mayersnotizblog am 06.05.26
|
Permalink
|
0 Kommentare
|
kommentieren

Wieder wiederentdeckt
Es ist so ein Sonntag, der anders ist als die meisten anderen meiner Sonntage. Nicht äußerlich, das Wetter ist schön, wir machen das Beste draus, dass mein kaputtes Gestell derzeit nicht locker 15 Kilometer durch die Pampa latscht, sondern ein Quälgeist ist. Das Szenario ist Frühling at it's best, wir fahren ins Allgäu an den Grüntensee und laufen eben soweit , wie meine Hochrechnung meint, dass ich es auch halbwegs schmerzfrei wieder zurück schaffe. Wir genießen die Sonne auf einer Bank, die einen herrlichen Blick übers Wasser auf die dahinterliegenden Berge erlaubt. In noch recht brauchbarer Verfassung erreiche ich den Parkplatz, dort gibt's auch eine kleine Gastronomie mit Außenbereich; von der Idee bis zur Umsetzung dort Pommes zu verdrücken, vergehen keine zwei Minuten. Hier kann man in einen Klettergarten blicken, der ist gut besucht, nicht nur von Kindern, weil es stellenweise auch für Erwachsene anspruchsvoll ist. Ich bin hängengeblieben, nicht in den Seilen, sondern an den Kindern. Mut finden, abschätzen, Papa/Mama suchen, Angst haben, üben, lachen, erzwingen wollen, kapitulieren müssen. Spielplatz auch für die ganz Kleinen, friedvoll, verträumt. Tränen, die von einem Fingereis spurlos beseitigt werden; ich hätte stundenlang zusehen können und am Ende stand für mich eines fest: ich will mehr spielen! Für mich Entdeckung! Alles in Zeitraffer, in der Frühlingssonne, im Vogelgezwitscher. Gedankenverloren Dinge tun. Ich bin in einem Alter da geht so etwas. Locker. Ich muss ja nichts mehr. Und das musste ich innerlich entdecken. Nochmal anders, als ich es schon wusste. Unser beider Leben ist kinderlos verlaufen. Kennengelernt haben wir uns erst als es für Nachwuchs schon zu spät war. Also vergisst man das Kinderdasein vollends, weil keine Beispiele vor der eigenen Nase herumhüpfen. Stattdessen Beruf und irgendwann Sorge um und für die eigenen Eltern. Als das hinter uns lag, dachten wir natürlich über Reise, Hobbies, andere Tagesstrukturen nach und wir haben auch einen guten Dreh’ raus. Aber, dass man auch Sandburgen bauen darf, die man gleich wieder selbst zertrampelt, das ist mir heute beim Beobachten der „Zwerge“ nochmal ganz anders klar geworden. Sand brauch ich nicht, aber ich mach das.

Paul Klee und der Rücken
Gestern haben wir das schlechte Wetter genutzt, um endlich ein schon länger geplantes Vorhaben umzusetzen. Im Schlossmuseum Murnau ist derzeit eine bemerkenswerte Sonderausstellung zu sehen. "Paul Klee - Der Poet des Blauen Reiter".
Gabriele Münter und Wassily Kandinsky hatten einen Sommerwohnsitz in Murnau, zahlreich waren die Besuche von anderen Expressionisten zu dieser Zeit um 1910. Gabriele Münter wohnte nach einigen Jahren der Unterbrechung bis zu ihrem Tod in Murnau. Kein Wunder also, dass das dortige Museum ein guter Platz ist, um Bilder der Neuen Künstlervereinigung München auszustellen. Paul Klee nimmt trotz enger Verbundheit mit dem Blauen Reiter eine Sonderstellung ein. Er bezeichnete sich beispielsweise selbst lange Zeit als Zeichner und Grafiker, weil er seiner Meinung nach keinen rechten Bezug zur Komposition mit Farben fand. Das änderte sich erst mit einem Aufenthalt in Marokko wo er durch die Harmonie der Farben und Formen von Gebäuden und Feldern für sich einen Durchbruch in dieser Hinsicht erkannte.
Und so ließ ich Bilder und Begleittexte auf mich wirken und war noch gar nicht so besonders weit in meinen Betrachtungen gekommen, als sich plötzlich erneut dieser ekelhafte Kerl namens Nucleus Pulposus Prolaps an mich heranschlich und mir massiv in den Rücken trat. Wir kennen uns seit 30 Jahren, aber er lässt nicht locker. Jahrelang lässt er sich nicht blicken und plötzlich schlägt er zu. Er hat einen Lieblingsplatz mit den Geokoordinaten L4-L5-S1.
Ich sank also in einem der Ausstellungsräume auf einem leidlich gepolsterten Sitzkubus nieder und versuchte ein interessiertes Gesicht zu machen, bis meine Frau sich das Elend nicht mehr mitansehen konnte und entschied den Aufenthalt dort abzubrechen und uns nach Hause zu kutschieren.
Glück im Unglück: beim Orthopäden meines Vertrauens ist schon am kommenden Montag ein Termin möglich geworden, weil jemand abgesagt hat. Besser als Eurojackpot.
Wenn es wieder besser ist, gibt's einen zweiten Anlauf, die Ausstellung
ist tatsächlich bis November 2028 zu besichtigen und so lange hatte ich noch nie Rücken.
Tagebuch
|
mayersnotizblog am 15.04.26
|
Permalink
|
0 Kommentare
|
kommentieren
