Die Schatten der Großväter (2)
II – Johann Klose
Kapitel 6 – Das Dorf

Das Dorf, in dem Johann Klose aufwuchs, bestand aus einer Handvoll Häusern, einer Kirche, einem Wirtshaus und der Straße, die hindurchführte und zugleich hinaus. Der Geruch von Holzrauch hing über den Dächern, vermischt mit dem säuerlichen Duft der Äpfel, die in den Gärten faulten. Die Kirche schlug jede Stunde, als wollte sie die Zeit festhalten, die hier langsamer verging als anderswo.
Wer blieb, tat es aus Notwendigkeit, wer ging, aus Hoffnung. Johann gehörte zu denen, die blieben, solange es nötig war.
Er wurde 1908 geboren, in einem Winter, an den sich später niemand erinnerte. Seine Mutter sagte einmal, es sei kalt gewesen, aber Kälte war nichts Besonderes in diesen Jahren. Sie war ein Zustand.
Der Vater arbeitete, wenn es Arbeit gab, und schwieg, wenn es nichts zu sagen gab. Er glaubte an Ordnung, nicht aus Überzeugung, sondern aus Erschöpfung. Ordnung versprach Ruhe. Johann lernte früh, dass Fragen Unruhe stifteten.
Die Schule endete früh. Danach begann die Lehre beim Bäcker im Nachbarort. Der Geruch von Mehl und Hefe blieb Johann ein Leben lang vertraut, selbst in den Jahren, in denen Brot Mangelware wurde. Arbeit bedeutete Rhythmus, und Rhythmus bedeutete Halt.
Johann war kein auffälliger junger Mann. Er sprach wenig, lachte selten laut, fiel nicht auf. Gerade deshalb wurde er gemocht. Er stellte keine Ansprüche.
Als die politische Sprache ins Dorf kam, in Form von Versammlungen, Fahnen und neuen Begriffen, hörte Johann zu, ohne sich beteiligt zu fühlen. Die Welt veränderte sich, aber sie tat es zunächst in Worten, nicht in Taten. Worte konnte man überhören.

Kapitel 7 – Das Hochzeitsgeschenk

Die Uhr bekam Johann im Frühjahr 1938. Seine Frau Anna schenkte sie ihm am Tag ihrer Hochzeit, noch bevor die Gäste eintrafen. Sie war teuer gewesen, zu teuer für ihre Verhältnisse, und Johann wusste das.
„Damit du weißt, wie spät es ist“, sagte sie und lächelte unsicher.
Johann legte die Uhr an und spürte ihr Gewicht. Sie war schwerer als erwartet, fast massiv. Zum ersten Mal besaß er etwas, das nicht unmittelbar dem Überleben diente.
1938 war ein Jahr voller Zeichen, auch wenn man sie erst später als solche erkannte. In der Stadt sprach man lauter, im Dorf vorsichtiger. Johann hörte von Anschlüssen, von Jubel, von Bedrohungen, aber all das blieb fern. Er hatte Anna, eine Arbeit, eine Uhr. Es schien genug.
Als der Einberufungsbefehl kam, faltete Johann das Papier sorgfältig zusammen. Er sagte nichts. Anna sah ihn an und verstand sofort.
„Wie lange?“, fragte sie.
Johann zuckte die Schultern. Zeit war plötzlich etwas, das anderen gehörte.
Er nahm die Uhr mit. Nicht aus Sentimentalität, sondern aus Gewohnheit. Sie erinnerte ihn an etwas, das außerhalb der Befehle existierte.

Kapitel 8 – Der Krieg

Der Krieg begann für Johann nicht mit Schüssen, sondern mit Warten. Warten auf Befehle, auf Transporte, auf Essen. Die Front war ein Zustand, kein Ort.
Johann konnte etwas Wichtiges, sich unauffällig verhalten. Er tat, was man ihm sagte, und stellte keine Fragen. Er wollte überleben, mehr nicht. Ideologien blieben abstrakt, Schuld ein Wort, das man vermied.
Die Uhr trug er unter dem Ärmel. Manchmal sah er auf sie, ohne die Zeit wirklich zu erfassen. Minuten hatten keine Bedeutung mehr. Nur Tage. Und auch die verschwammen.
Er sah Dinge, die er später nicht benennen konnte. Er tat Dinge, über die er nie sprechen würde. Nicht aus Scham allein, sondern weil ihm dafür Sprache fehlte.
In Briefen an Anna schrieb er von Wetter, von Kameraden, von kleinen Erleichterungen. Er erwähnte nichts Wesentliches. Er glaubte, sie schützen zu müssen. Vielleicht schützte er sich selbst.
Als der Krieg endete, war Johann ein anderer Mann, ohne genau zu wissen, worin die Veränderung bestand. Er kam zurück, lebend, was ihm wie ein Zufall erschien.
Er legte die Uhr ab. Sie war stehen geblieben.


Kapitel 9 – Die Rückkehr

Johann kehrte im Herbst 1945 zurück. Nicht an einem bestimmten Tag, sondern allmählich. Er kam näher, Schritt für Schritt, Bahnstation für Bahnstation, als müsse er sich erst wieder an die Nähe des Zuhauses gewöhnen.
Das Dorf war noch da. Das war mehr, als viele sagen konnten. Die Kirche stand, das Wirtshaus auch. Manche Menschen fehlten. Andere waren da, aber verändert.
Anna erkannte ihn sofort. Er erkannte sie erst, als sie sprach.
Sie umarmten sich unbeholfen. Johann wusste nicht, wohin mit den Händen. Der Körper erinnerte sich langsamer als der Verstand.
Er sprach wenig. Anna stellte keine Fragen. Sie hatte gelernt zu warten. In den Nächten lag Johann wach. Geräusche machten ihn unruhig. Er dachte nicht an den Krieg. Er dachte an nichts Bestimmtes. Das war anstrengend genug.
Die Uhr lag in der Schublade. Johann zog sie nicht wieder auf.

Kapitel 10 – Vater

Das erste Kind wurde 1946 geboren. Ein Mädchen. Elisabeth.
Johann hielt sie unbeholfen, als hätte man ihm etwas Zerbrechliches übergeben, für das er keine Anleitung hatte. Er betrachtete ihr Gesicht lange. Es kam ihm fremd vor, und doch fühlte er sich verantwortlich.
Vatersein bedeutete für Johann vor allem eines: da sein. Arbeiten. Nicht versagen.
Er erzählte Elisabeth keine Geschichten. Er brachte ihr bei, pünktlich zu sein, ordentlich, still. Das Leben war schwer genug, er wollte es nicht komplizierter machen.
Manchmal sah er die Uhr in der Schublade. Er nahm sie heraus, drehte sie in der Hand. Er dachte daran, sie dem Kind eines Tages zu schenken. Dann legte er sie zurück.
Zeit war etwas, das man hinter sich brachte.

III – Karl Huber
Kapitel 11 – Der Verlust

Karl Huber verlor seine Heimat an einem Tag, der später kein Datum mehr hatte. Es war Frühling, so viel wusste er. Die Bäume standen in Blüte, als hätte die Welt nichts verstanden.
Er war zweiundvierzig Jahre alt, als man ihm sagte, dass er gehen müsse. Nicht sofort, aber bald. Mitnehmen dürfe er, was er tragen könne. Der Rest gehöre nun anderen.
Karl diskutierte nicht. Er packte Dokumente ein, Kleidung für die Kinder, ein Foto seiner Eltern. Alles andere ließ er zurück. Möbel waren ersetzbar. Erinnerungen nicht, aber sie wogen zu viel.
Die Reise nach Westen dauerte Wochen. Züge, Lager, Warten. Karl lernte, nicht zu fragen, wohin genau. Hauptsache weg.
Als sie in Bayern ankamen, war er ein Fremder. Das blieb er.

Kapitel 12 – Das neue Leben

Karl arbeitete sofort. Er glaubte nicht an Übergänge. Wer arbeitete, durfte bleiben.
Die Einheimischen sahen ihn skeptisch an. Er sprach anders, aß anders, dachte anders. Er senkte den Blick und machte weiter.
Seine Frau weinte nachts. Die Kinder stellten Fragen. Karl antwortete nicht. Er wusste nicht, was er sagen sollte. Verlust ließ sich nicht erklären.
Er trank. Nicht viel, aber regelmäßig. Alkohol machte die Stille erträglicher.
Die Vergangenheit erwähnte er nicht. Sie hatte ihm nichts mehr zu bieten.

Kapitel 13 – Spiegel

Johann Klose und Karl Huber hätten sich im Schweigen verstehen können. Oder sich nichts zu sagen gehabt. Beides lief auf dasselbe hinaus.
Beide glaubten an Arbeit. An Ordnung. An Schweigen. Sie wollten ihre Kinder schützen, indem sie ihnen nichts erzählten.
Was sie nicht wussten: Sie gaben das Schweigen weiter.

IV – Die Kinder der Stille
Kapitel 14 – Elisabeth

Elisabeth Klose wuchs in einem Haus auf, in dem nichts fehlte und vieles nicht gesagt wurde. Ihr Vater war da. Jeden Abend. Pünktlich. Er aß, las Zeitung, ging schlafen. Er schlug nicht, er trank nicht, er schrie nicht. Er schwieg.
Sie lernte, die Türen leise zu schließen, als könnte ein Knall die dünne Haut des Friedens zerreißen, der über dem Haus lag. Manchmal, wenn der Vater besonders still war, spürte sie, wie die Luft im Raum dicker wurde, als würde sie etwas erwarten – eine Entschuldigung, eine Erklärung, etwas, das nie kam. Fragen wurden vorsichtig gestellt. Die Mutter antwortete, wenn sie konnte, und wich aus, wenn sie musste.
Über den Krieg wurde nicht gesprochen. Es gab keine Fotos, keine Orden, keine Erinnerungen. Elisabeth wusste nur, dass ihr Vater „dabei gewesen“ war. Wobei, blieb unklar.
In der Schule war sie fleißig. Fleiß war etwas, das man sehen konnte. Gefühle nicht.
Sie entwickelte eine besondere Sensibilität für Stimmungen. Sie wusste, wann man lieber nichts sagte. Das brachte ihr Lob ein. Ein braves Kind.
Elisabeth hielt Ordnung für etwas Moralisches. Wer Ordnung hielt, machte nichts falsch.

Kapitel 15 – Franz

Der Sohn von Karl Huber hieß Franz. Er war sechs Jahre alt gewesen, als sie ihre Heimat verlassen hatten. Alt genug, um sich zu erinnern. Jung genug, um zu glauben, dass Erinnerungen gefährlich waren.
Franz wusste, dass sein Vater wütend war. Er wusste nur nicht, worauf. Er lernte, Abstand zu halten. Er lernte, sich anzupassen.
In der Schule wurde er „der Flüchtling“ genannt. Später „der Sudetendeutsche“. Er gewöhnte sich daran, anders zu sein, ohne zu wissen, was dieses Anders bedeutete.
Sein Vater arbeitete viel. Wenn er da war, war er still oder müde. Manchmal roch er nach Alkohol. Franz stellte keine Fragen. Er wollte nicht zusätzlich auffallen.
Er lernte, dass Herkunft etwas war, das man besser verschwieg.