Bücher mit KI schreiben - Fazit
Ich fasse mich kurz, denn wer "Die Schatten der Großväter" gelesen hat, hat es ohnehin am eigenen Leib zu spüren bekommen, dass das Ganze ein großer Unfug ist. Zu meiner großen Überraschung haut die KI allerdings besonders bei der Logik brutal daneben, während man sprachlich durchaus, je nach persönlichem Geschmack, ein wenig zufrieden sein kann. Das ist auch der Bereich, den ich oberflächlich nachbearbeitet habe. Die Logikkatastrophe blieb weitgehend erhalten. Für Euch und wegen Faulheit.
Tatsächlich schreibe ich übrigens an einem "echten" Buch, nur mit OI (own intelligence) und auch wenn Letztere mit Sicherheit gewaltige Löcher aufweist, so ist es doch eine ganz andere Befriedigung alles selbst zu erfinden. Leider habe ich nicht soviel Zeit wie ich dafür gerne verwenden würde, andererseits leide ich unter Phasen mit schlimmen Kreativitätslöchern in meiner Birne. Irgendwann wird es fertig sein, ob das Manuskript dann aber irgendeinen Verlag begeistern wird? Na ja...
Kurzroman
|
mayersnotizblog am 01.07.26
|
Permalink
|
0 Kommentare
|
kommentieren

Die Schatten der Großväter (5)
IX – Die Archive
Kapitel 29 – Das Stadtarchiv
Das Stadtarchiv lag in einem Gebäude, an dem Markus jahrelang vorbeigegangen war, ohne es wahrzunehmen. Ein Zweckbau, unscheinbar, grau. Er hätte überall stehen können. Vielleicht war genau das seine Aufgabe.
Drinnen war es kühl. Es roch nach Papier, nach Staub, nach Zeit. Markus meldete sich an, zeigte seinen Ausweis. Die Frau am Schalter sprach leise, routiniert. Für sie war dies Alltag. Für Markus war es neu.
Er saß an einem Tisch, vor sich einen leeren Platz. Es dauerte, bis die ersten Unterlagen kamen. Er wartete geduldig. Warten konnte er.
Als er die Akte öffnete, war er überrascht von der Nüchternheit. Keine Geschichte, keine Erklärung. Nur Einträge. Namen. Daten. Wohnorte. Bewegungen.
Johann Klose, geb. 1908, katholisch.
Markus las langsam. Er ließ jedes Wort wirken, als müsse er es sich verdienen. Es war wenig. Aber es war mehr als nichts.
Er schrieb sich alles ab. Mit der Hand. Er wollte den Kontakt spüren.
Kapitel 30 – Dokumente
In den nächsten Tagen kehrte Markus zurück. Er lernte, Formulare auszufüllen, Signaturen zu verstehen, Geduld aufzubringen. Die Vergangenheit ließ sich nicht drängen.
Er fand eine Meldekarte. Eine Adresse. Ein Umzug. Dann nichts mehr. Lücken, die sich nicht schließen ließen.
Markus merkte, wie sehr ihn diese Lücken beschäftigten. Sie waren kein Ärgernis, sondern ein Raum. Ein Raum für Vorstellung.
Er stellte sich Johann vor, wie er in einer fremden Stadt ankam, wie er sich einrichtete, wie er schwieg. Markus erkannte etwas davon wieder. Er wusste nicht, ob das gerecht war. Aber es war unvermeidlich.
Zwischendurch legte er Pausen ein, ging hinaus, atmete tief durch. Die Stadt erschien ihm verändert. Als läge unter allem eine zweite Schicht, unsichtbar, aber präsent.
Kapitel 31
Das Münchner Stadtarchiv umfing Markus mit seiner Kühle und dem Geruch, der ihm inzwischen vertraut war. Er hatte gelernt, sich durch die Regale zu bewegen, die richtigen Formulare auszufüllen, geduldig zu warten, bis ihm die Akten gebracht wurden. Heute suchte er nach Einträgen über Johann Klose, aber die Spur verlor sich immer wieder. „Wehrmachtsoldaten, 1945 entlassen“ – mehr stand nicht da. Kein Ort. Kein Schicksal. Nur ein Name, der in der Masse unterging.
„Sie suchen jemanden?“
Markus blickte auf. Ein Mann mittleren Alters, Sakko, mit einem Stapel Akten unter dem Arm. Sein Blick war freundlich, aber nicht aufdringlich. „Entschuldigen Sie die Störung. Ich bin Dr. Bauer. Ich arbeite hier manchmal.“
„Markus Huber.“ Er deutete auf die vor ihm liegenden Papiere. „Mein Großvater. Johann Klose. Aber ich finde kaum etwas.“
Dr. Bauer setzte sich ohne zu fragen zu ihm. „Klose, sagen Sie? 1945 entlassen?“ Markus nickte.
„Dann war er wahrscheinlich in einem der Lager.“ Der Historiker blätterte in seinen eigenen Unterlagen. „Viele Wehrmachtsoldaten kamen nach der Entlassung in Durchgangslager. Manche nur für Wochen. Manche für Monate.“ Er zog ein vergilbtes Dokument hervor. „Hier. Lager Leitenberg, 1945. Listen der Entlassenen. Klose… Klose…“ Sein Finger blieb stehen. „Hier. Johann Klose, geb. 1908. Entlassen am 12. Oktober 1945.“
Markus spürte, wie sein Herz schneller schlug. „Das ist er.“
„Dann wissen Sie vielleicht mehr, als Sie denken.“ Dr. Bauer schob ihm das Dokument zu. *„Sehen Sie hier? Die Spalte ‚Bemerkungen‘. Da steht ‚keine Anklage – Zeuge in Verfahren gegen Vorgesetzte‘.“
Markus starrte auf die Worte. „Was bedeutet das?“
„Es bedeutet, dass Ihr Großvater etwas gesehen hat. Etwas, das schwerwiegend genug war, um ihn als Zeugen aufzurufen.“ Der Historiker lehnte sich zurück. „Aber es bedeutet auch, dass er nicht angeklagt wurde. Das ist… ambivalent.“
„Hat er ausgesagt?“ Markus‘ Stimme war leise.
„Keine Ahnung. Die Akten dazu wären im Bundesarchiv. Aber…“* Dr. Bauer zögerte. „Manchmal sagt das Schweigen mehr als die Worte. Vielleicht wollte er nicht reden. Vielleicht durfte er nicht.“
Markus dachte an die Uhr. An das Ticken, das er jetzt immer hörte, selbst wenn sie in der Schublade lag. „Und wenn er einfach nur müde war?“
Dr. Bauer sah ihn an. „Dann wäre das auch eine Antwort.“
Er schloss den Ordner und schob ihn Markus zu. „Hier. Die Kopien können Sie behalten. Falls Sie noch mehr finden, lassen Sie es mich wissen.“
Markus steckte die Papiere in seine Mappe. Die Worte „keine Anklage – Zeuge in Verfahren“ brannten ihm noch immer im Kopf. „Danke“, sagte er. „Ich… ich weiß nicht, was ich damit anfangen soll.“
Der Historiker lächelte leicht. „Das kommt oft so. Man sucht nach Antworten und findet nur neue Fragen.“ Er zögerte. „Aber wenn Sie wirklich weitergraben wollen…“ Er blätterte in einem Stapel Formulare auf seinem Tisch. „Hier. Die Vertriebenenlisten für Bayern. 1945–1947. Falls Ihr Großvater – oder vielleicht ein anderer Verwandter – aus dem Sudetenland kam, könnte er da drinstehen.“
Er tippte auf eine Zeile: „So wie hier zum Beispiel, dürftig, aber immerhin: Königswald, Mai 1946. Familie Huber.“
Markus erstarrte. „Huber?“
„Ja. Ein Karl Huber, mit Frau und Kind. Aufgenommen in München, Hilblestraße 17.“ Dr. Bauer sah ihn an. „Das ist…?“
„In der Straße wohnen wir, also ich. Jetzt Maria-Luiko-Straße“, flüsterte Markus und imitierte unbewusst den Nachdruck auf Maria-Luiko, so wie Angelika es ausgesprochen hatte. „Davon war nie die Rede“ fügte er fast unhörbar hinzu“.
Eine Weile war es still. Dann sagte der Historiker leise: „Gefunden hätten Sie ihn sowieso, nur komisch, dass ich genau diese Stelle vorgelesen habe. Manchmal findet man die Spuren da, wo und wann man sie am wenigsten erwartet.“
Markus nahm das Formular entgegen. Die Buchstaben verschwammen vor seinen Augen. „Danke“, sagte er noch einmal.
Draußen, auf der Treppe des Archivs, blieb er stehen. Die Sonne brannte, aber er spürte sie nicht. In seiner Hand hielt er zwei Zettel: den einen über einen Großvater, der geschwiegen hatte. Den anderen über einen Großvater, der vertrieben worden war.
Als Markus die Kopien in seiner Mappe verstaute, spürte er, wie sich etwas in ihm verschob. Es war kein Trost. Keine Lösung. Aber es war ein Stück Wahrheit. Und das war mehr, als er gehabt hatte.
Kapitel 32 – Nähe
Sämtliche Unterlagen, alles was er hatte bekommen können, lag ausgebreitet auf dem Tisch. Angelikas Lampe brannte. Ihr warmes Licht machte die Dokumente weicher, menschlicher. Viel Papier auf dem wenig stand. Aber auch viel mehr als nichts. Markus hatte das Gefühl alles immer wieder durchlesen zu müssen, als könnte er zwischen den Zeilen etwas finden, das nicht da stand. Johann Klose, geb. 1908. Katholisch. Bäckerlehre. Einberufung 1939. Daten ohne Stimme. Zum ersten Mal empfand Markus so etwas wie Nähe zu einem Mann, den er nie gekannt hatte. Nicht aus Bewunderung, nicht aus Schuld. Aus Gemeinsamkeit.
Markus riss sich los von seinen Grübeleien und widmete sich wieder den Dokumenten. Unerwartet zwischen den Meldebescheinigungen, fand er doch noch etwas Neues oder vielleicht auch von ihm Vergessenes: einen vergilbten Zettel mit einer Adresse. Königswald, Sudetenland. Nicht Johanns Spur – sondern die von Karl Huber, dem anderen Großvater, dem Schweigsamen, dem Fremden.
Markus starrte auf den Ort. Er kannte den Namen aus Erzählungen, die keine waren – nur Bruchstücke, die sein Vater fallen ließ, wenn der Alkohol ihn redselig machte. „Von früher“, hatte Franz Huber immer gesagt. „Da gibt’s nichts mehr.“
Doch jetzt hielt er den Beweis in der Hand. Es gab etwas. Nicht viel. Aber genug, um hinzufahren.
Er buchte einen Mietwagen für den nächsten Tag. Nicht aus Hoffnung. Sondern weil er jetzt wusste, dass er nicht weiterkommen würde, wenn er nicht hinging. Wenn er nicht sah, was „nichts mehr“ wirklich bedeutete.
Die Uhr lag neben ihm. Sie tickte ruhig. Nicht drängend. Fast zustimmend.
Kapitel 33 – Die alte Straße
Die Fahrt war zu Ende. Markus faltete die veraltete Straßenkarte zusammen. Veraltet wie alles hier. Die Straßen führten oft ins Nichts, und die Dörfer, die er suchte, waren manchmal nur noch Namen auf einem Schild. Nun war er hier, in Königswald, dem Ort, den sein Vater immer nur „von früher“ genannt hatte. Er verharrte still. Die Luft roch nach feuchtem Holz und Moder, und der Wind strich durch die leeren Gassen, als würde er die Erinnerungen derer mitnehmen, die hier einst gelebt hatten.
Das Haus seiner Vorfahren war nicht mehr da.
An seiner Stelle stand ein neu gebautes Gebäude, ein flacher Betonklotz mit blätternder Farbe. Markus blieb davor stehen und spürte, wie sich etwas in ihm zusammenzog. Nicht Enttäuschung. Etwas Schlimmeres: Leere. Er hatte nicht erwartet, dass das Haus noch stehen würde. Ein verwildertes Grundstück hätte er ertragen, aber der Betonklotz traf ihn. Jetzt fühlte es sich an, als ob das Haus nie existiert hätte.
„Sie suchen etwas?“
Markus drehte sich um. Eine ältere Frau stand hinter ihm, in einem dunklen Mantel, die Hände in den Taschen vergraben. Ihr Blick war nicht misstrauisch, nur neugierig.
„Ich…“ Er zögerte. „Mein Großvater. Er hat hier gewohnt. Karl Huber.“
Die Frau musterte ihn einen Moment. Dann nickte sie langsam. „Huber… Ja. Die Hubers. Sie sind weggegangen. 1946, glaube ich. Oder 47.“ Sie deutete auf den Platz, wo einst das Haus gestanden hatte. „Hier. Aber das wissen Sie ja.“
„Nein“, sagte Markus leise. „Ich wusste es nicht. Nicht wirklich.“
Die Frau – sie stellte sich als Frau Novák vor – lud ihn in ihr Haus ein, nur ein paar Schritte weiter. Drinnen roch es nach Kräutern und altem Papier. Sie holte eine vergilbte Karte hervor, auf der die alten Grundstücke eingezeichnet waren. „Hier“, sagte sie und tippte mit dem Finger auf einen Punkt. „Das war ihr Haus. Ihr Vater war Bäcker, nicht wahr?“
Markus starrte auf die Karte. „Nein. Mein anderer Großvater war Bäcker. Dieser hier… ich weiß nicht, was er war.“
Frau Novák sah ihn an. „Er war einer von denen, die gehen mussten.“ Sie zögerte. „Manche sind freiwillig gegangen. Manche nicht. Ihr Großvater…“ Sie brach ab. „Er hat nicht viel gesagt. Aber er hat auch nicht gekämpft. Das war schon etwas.“
Markus spürte, wie ihm die Kehle eng wurde. „Wissen Sie, wohin sie gegangen sind?“
„Nach Bayern, glaube ich. Wie die meisten.“ Sie faltete die Karte zusammen. „Sie haben nichts mitgenommen. Nur, was sie tragen konnten. Als ob sie wussten, dass sie nicht zurückkommen würden.“
Draußen, vor dem Haus, blieb Markus noch einmal stehen. Der Wind pfiff durch die Bäume, und irgendwo in der Ferne klapperte ein alter Traktor über die Felder. Er dachte an seinen Vater, der nie über „von früher“ gesprochen hatte. Jetzt verstand er, warum.
Es war nicht nur Schweigen. Es war Verlust. Und Verlust hatte für ihn wohl keine Worte.
XI – Die Fragen
Kapitel 34 – Der Besuch
Markus fuhr an einem klaren Vormittag nach Nymphenburg. Die Bäume standen bereits in Blatt, ein helles, beinahe optimistisches Grün, das ihm unangemessen erschien. Er kam sich vor, als trüge er etwas Schweres durch eine zu leichte Jahreszeit.
Das Pflegeheim war ruhig. Zu ruhig. Geräusche wurden gedämpft, Stimmen gedrosselt. Markus meldete sich an, ging den bekannten Flur entlang. Zimmer 214.
Seine Mutter saß am Fenster. Sie hatte die Hände im Schoß gefaltet, als warte sie auf etwas. Als er eintrat, drehte sie den Kopf.
„Du bist früh“, sagte sie.
„Ich wollte reden“, antwortete Markus.
Sie nickte still. Das tat sie oft, wenn sie spürte, dass etwas kam, dem sie nicht ausweichen konnte.
Kapitel 35 – Die Fragen
Die Uhr lag zwischen ihnen auf dem Tisch wie ein fremdes Wesen, das plötzlich zum Leben erwacht war. Markus hatte sie absichtlich dort platziert, als er sich gegenübersetzte – nicht als Vorwurf, sondern als Beweis. Sieh her. Das ist wirklich. Das ist da. Wir können nicht mehr so tun, als gäbe es sie nicht.
Elisabeth betrachtete die Uhr, ohne sie zu berühren. Ihre Hände lagen regungslos im Schoß, die Finger ineinander verschränkt, als wollten sie sich gegenseitig Halt geben. „Du hast sie aufgezogen“, sagte sie leise. Es war keine Frage.
„Ja.“
„Sie tickt.“ Ein fast unhörbares Flüstern. „Ich habe sie jahrzehntelang nicht mehr ticken hören.“
Markus spürte, wie sich etwas in seiner Brust zusammenzog. Nicht Wut. Nicht Trauer. Etwas zwischen beidem, etwas Schweres, das keinen Namen hatte. „Warum nicht?“
Elisabeth hob den Blick. Ihre Augen waren klar, aber irgendwie leer, als hätte sie gelernt, alles, was zu viel war, darin zu verbergen. „Weil es genug Lärm gab.“
Er verstand sofort. Es war eine dieser Antworten, die alles und nichts sagten – typisch für sie, typisch für diese Familie. „Nicht dieser Lärm“, sagte er. „Den von draußen. Den von den anderen. Aber nicht… das hier.“ Er tippte mit dem Finger gegen das Ziffernblatt. Das leise Klick hallte im Raum nach.
Elisabeth atmete langsam aus. „Manche Dinge hört man besser nicht.“
„Aber du hast es gehört.“ Es war keine Frage. Sofort war es ihm sonnenklar. „Du hast es gehört, und dann hast du beschlossen, dass ich es nicht hören soll.“
Sie schwieg. Nicht aus Trotz, sondern weil sie nach Worten suchte. Oder weil sie wusste, dass es keine gab.
Markus spürte, wie seine Hände feucht wurden. Er presste sie gegen die Oberschenkel, als könnte er so die Unruhe in sich festhalten. „Was hat er getan, Mutter?“
Die Frage hing zwischen ihnen, scharf wie eine Klinge. Elisabeths Lippen bewegten sich, aber es kam kein Ton. Dann, ganz leise: „Lebt er noch in dir? Dein Vater?“
Die Frage traf ihn unerwartet. „Was?“
„Dein Vater. Lebt er noch in dir? Wenn du morgens aufwachst – ist da dann etwas von ihm?“ Sie sah ihn an, zum ersten Mal direkt, als würde sie versuchen, in ihm zu lesen, was sie selbst nicht sagen konnte.
Markus spürte, wie ihm die Kehle eng wurde. „Ich… ich weiß nicht.“
„Genau das.“ Ihre Stimme war jetzt fester, fast hart. „Genau das ist es. Wir wissen es nicht. Weil wir es nicht wissen wollen. Weil es einfacher ist, weiterzugehen, als stehen zu bleiben und hinzuschauen.“ Sie deutete auf die Uhr. „Das hier… das ist kein Ticken. Das ist ein Ruf. Und du bist der Erste, der ihn hört.“
„Warum ich?“ Seine Stimme brach fast. „Warum nicht du? Warum nicht er?“
„Weil wir müde waren.“ Sie klang nicht entschuldigend. Nur müde. „Weil wir dachten, wenn wir schweigen, verschwindet es. Aber das tut es nicht. Es wartet nur.“ Sie schloss die Augen. „Und jetzt wartet es auf dich.“
Markus spürte, wie etwas in ihm aufstieg – nicht Zorn, nicht Verzweiflung, sondern etwas Kaltes, Klares. Eine Art von Entschlossenheit, die er nicht kannte. „Was hat er getan?“, wiederholte er.
Elisabeth öffnete die Augen. Tränen glänzten darin, aber sie weinte nicht. „Er hat überlebt.“
„Das ist keine Antwort.“
„Doch.“ Sie beugte sich vor, nah genug, dass er den Geruch ihres Parfüms roch – Lavendel, wie immer, wie bei Angelika. „Er hat überlebt, und dann hat er gelebt. Und dann hat er geschwiegen. Wie alle. Weil wir dachten, das sei genug.“ Sie zögerte. „Aber es war nicht genug. Es war nie genug.“
Markus spürte, wie die Uhr in seiner Hand schwerer wurde. „Hat er…“ Er musste schlucken. „Hat er Menschen verletzt?“
Elisabeths Atem stockte. „Jeder hat in diesem Krieg Menschen verletzt. Manche mit den Händen. Manche mit den Augen. Manche einfach, indem sie weggeschaut haben.“ Sie strich mit den Fingern über den Tisch, als würde sie Staub wegwischen. „Dein Großvater war kein Monster. Aber er war auch kein Heiliger. Er war ein Mann, der Befehle befolgt hat. Der geglaubt hat, dass Schweigen ihn retten würde.“ Sie blickte auf. „Und vielleicht hat es das ja auch. Für eine Weile.“
Markus spürte, wie ihm übel wurde. Nicht wegen dem, was sie sagte, sondern wegen dem, was sie nicht sagte. „Und du? Hast du weggeschaut?“
Sie lächelte traurig. „Ich habe gelernt, nicht hinzuschauen. Das ist nicht dasselbe.“
„Aber es ist auch nicht anders.“
„Nein.“ Sie nahm seine Hand. Ihre Haut war dünn, fast durchscheinend, die Adern blau unter der Oberfläche. „Es ist nicht anders. Und jetzt musst du entscheiden, was du damit machst.“
Er zog die Hand zurück. Nicht, weil er sie nicht berühren wollte, sondern weil er spürte, dass er gleich zerbrechen würde, wenn er es zuließ. „Warum gibst du mir das jetzt? Warum nicht früher?“
„Weil ich dachte, du bräuchtest es nicht.“ Ihre Stimme war nur noch ein Hauch. „Und weil ich Angst hatte. Dass du mich dann nicht mehr liebst. Dass du ihn nicht mehr liebst.“
Das traf ihn wie ein Schlag. „Ich liebe einen Mann, den ich nicht kenne.“
„Genau das.“ Sie lehnte sich zurück, als hätte sie alle Kraft verloren. „Und jetzt kennst du ihn ein bisschen. Und das ist schlimmer, als ihn nicht zu kennen. Weil du jetzt entscheiden musst, was du mit diesem Wissen anfängst.“
Markus stand auf. Die Uhr nahm er mit. Sie fühlte sich heiß an in seiner Hand, als würde sie brennen. „Ich gehe jetzt.“
Elisabeth nickte. „Komm wieder.“
„Ja.“
Aber beide wussten, dass es nicht stimmt.
Kapitel 36 – Die Last
Markus ließ nicht locker.
„Warum hast du mir nichts erzählt?“, fragte er. „Warum habt ihr immer geschwiegen?“
Elisabeth schloss die Augen. Als müsse sie Kraft sammeln.
„Weil wir froh waren, dass es vorbei war“, sagte sie. „Weil wir weiterleben wollten. Weil Erinnerungen gefährlich waren.“
„Für wen?“, fragte Markus.
„Für alle“, sagte sie. „Für ihn. Für uns. Für euch.“
Sie öffnete die Augen wieder. Sie waren klarer, als Markus erwartet hatte.
„Wir wollten, dass du es leichter hast.“
Markus nickte langsam. Er verstand es. Und doch spürte er etwas wie Widerstand.
„Es war nicht leichter“, sagte er leise. „Es war nur stiller.“
Elisabeth sah ihn lange an. Dann legte sie die Hand auf die Uhr.
„Dann nimm sie“, sagte sie. „Und frag weiter. Ich kann nicht mehr alles tragen.“
Markus nahm die Uhr. Sie fühlte sich wärmer an als zuvor.
XII – Nachhall
Kapitel 37 – Danach
Nach dem Besuch bei seiner Mutter ging Markus zu Fuß nach Hause. Er ließ die U-Bahn aus, obwohl der Weg weit war. Er wollte gehen, Schritt für Schritt, als müsse er das Gesagte erst im Gehen verstehen.
Die Stadt war laut, aber sie störte ihn nicht. Autos, Stimmen, Baustellen. All das war Oberfläche. Darunter lag etwas anderes, schwereres.
Er dachte an das Wort müde. So hatte seine Mutter den Vater beschrieben. Nicht schuldig, nicht stolz. Müde.
Markus erkannte darin etwas von sich selbst. Eine Müdigkeit, die nicht vom Körper kam, sondern von der Dauer. Vom Aushalten.
Zu Hause legte er die Uhr auf den Tisch und setzte sich daneben. Er tat nichts. Er wartete nicht einmal. Er war einfach da.
Es war ein neues Gefühl. Unangenehm. Aber ehrlich.
Kapitel 38 – Johann
In den folgenden Tagen begann Markus, Johann nicht mehr nur als Akte zu sehen, sondern als Möglichkeit. Er stellte sich vor, wie dieser Mann morgens aufstand, ohne zu wissen, was der Tag bringen würde. Wie er sich anzog, die Uhr anlegte, die Zeit prüfte, obwohl sie ihm längst nicht mehr gehörte.
Markus versuchte, sich Johanns Rückkehr vorzustellen. Die Fremdheit im Eigenen. Die Unfähigkeit, zu erzählen. Die Entscheidung, zu schweigen, nicht aus Bosheit, sondern aus Notwendigkeit.
Er merkte, dass er Johann nichts vorwarf. Vielleicht, weil Vorwürfe eine Richtung brauchten. Und diese Richtung fehlte.
Stattdessen empfand er etwas wie Traurigkeit. Eine ruhige, weite Traurigkeit, ohne Ziel.
Er schrieb es auf. Nicht viel. Keine großen Sätze. Nur Eindrücke. Vermutungen. Leerstellen.
Kapitel 39 – Karl
Parallel dazu trat Karl Huber deutlicher hervor. Nicht durch Dokumente, sondern durch das, was fehlte. Markus erinnerte sich an seinen Vater, an dessen Schweigsamkeit, an die Art, wie er beim Abendessen den Blick senkte, wenn es um Herkunft ging.
Karl hatte verloren, was Johann behalten durfte: einen Ort, eine Selbstverständlichkeit. Dafür hatte er etwas anderes entwickelt: Härte. Rückzug. Zorn, der keinen Adressaten fand.
Markus stellte sich Karl vor, wie er im neuen Land stand, fremd, misstrauisch, gezwungen, sich neu zu erfinden, ohne Werkzeuge dafür zu haben. Wie er beschloss, nichts zurückzulassen außer sich selbst.
Beide Großväter hatten geschwiegen. Aus unterschiedlichen Gründen. Mit ähnlichen Folgen.
Markus spürte, dass sich hier etwas beendete. Kein sich schließender Kreis, eher eine Linie, die durch ihn hindurchlief.
Er war nicht mehr nur der, der nichts wusste. Er war der, der gefragt hatte. Und der, der zumindest einen Teil von dem tragen konnte, was andere abgelegt hatten.
XIII – Das Schreiben
Kapitel 40 – Der Anfang
Markus begann nicht mit einem Plan. Er setzte sich an den Schreibtisch, Angelikas alte Lampe eingeschaltet, und schlug das Notizbuch auf, das inzwischen viele Seiten füllte. Die Handschrift war ordentlich, aber nicht gleichmäßig. Sie verriet Anstrengung.
Er schrieb den Namen noch einmal: Johann Klose. Darunter: 1908–?
Das Fragezeichen ließ er stehen. Es gefiel ihm. Es war ehrlich.
Er merkte, dass er nicht chronologisch schreiben konnte. Die Zeit ließ sich nicht ordnen, sie ließ sich nur umkreisen. Also schrieb er, was kam: Bilder, Gedanken, Vermutungen. Sätze, die er wieder strich. Andere, die er stehen ließ, obwohl er sich ihrer nicht sicher war.
Das Schreiben verlangsamte ihn. Es zwang ihn, bei Dingen zu bleiben, die er sonst rasch beiseite gelegt hätte. Gefühle, die keinen Namen hatten. Erinnerungen, die eher Stimmungen waren.
Manchmal stockte er. Dann sah er auf die Uhr. Sie tickte gleichmäßig. Nicht ermutigend, auch nicht drängend.
Kapitel 41 – Die Verbindung
Je mehr Markus schrieb, desto deutlicher erkannte er die Linien. Johann und Karl, so verschieden ihre Geschichten waren, hatten ihm etwas Gemeinsames hinterlassen: Vorsicht. Zurückhaltung. Das Misstrauen gegenüber großen Worten.
Er schrieb über seinen Vater, ohne dessen Namen oft zu nennen. Über die Art, wie Franz Huber beim Erzählen innehielt, als prüfe er jedes Wort auf Gefahr. Über die Mutter, die gelernt hatte, das Schweigen zu verwalten.
Und schließlich schrieb er über sich selbst. Zögernd. Mit Widerstand.
Er erkannte, wie sehr er sein Leben auf Sicherheit gebaut hatte. Beamter. Ehemann. Kein Risiko. Keine Kinder. Keine Brüche. Es war ein gutes Leben gewesen. Aber auch ein geschlossenes.
Angelika tauchte zwischen den Zeilen auf, ohne dass er sie gezielt herbeirief. Ihre Offenheit, ihre Sprache, ihre Geduld. Sie war der einzige Mensch gewesen, der das Schweigen nicht übernommen, sondern umgangen hatte.
Markus schrieb ihren Namen. Mehrmals.
Kapitel 42 – Der Sinn
An einem Abend legte Markus den Stift aus der Hand und lehnte sich zurück. Der Text vor ihm war unvollständig, fragmentarisch. Und doch fühlte er sich richtig an.
Er wusste, dass er keine Wahrheit gefunden hatte. Zumindest keine endgültige. Aber er hatte etwas anderes erreicht: Zusammenhang.
Die Geschichten der Großväter standen nicht mehr isoliert nebeneinander. Sie berührten sich in ihm. Und er hielt sie aus.
Markus dachte daran, dass es niemanden gab, dem er das alles weitergeben musste. Keine Kinder, keine direkten Nachkommen. Der Gedanke schmerzte kurz, aber nicht mehr wie früher.
Vielleicht, dachte er, musste Erinnerung nicht vererbt werden, um gültig zu sein. Vielleicht reichte es, sie nicht verschwinden zu lassen.
Er schloss das Notizbuch. Die Uhr tickte weiter.
Zeit, dachte Markus, ist nicht das, was vergeht.
Zeit ist das, was bleibt, wenn man hinsieht.
XIV – Der Sommer 2025
Kapitel 43 – Bewegung
Der Sommer kam früh in diesem Jahr. Die Hitze lag schon im Juni über der Stadt, schwer und träge. Markus öffnete morgens die Fenster und ließ die Geräusche herein, ohne sie gleich wieder auszusperren.
Er ging wieder öfter hinaus. Nicht aus Pflicht, sondern aus einem vagen Bedürfnis nach Teilnahme. Er setzte sich in Cafés, las, beobachtete Menschen. Familien, Paare, Einzelne. Er sah ihnen länger zu als früher, als müsste er sich vergewissern, dass sie wirklich da waren.
Manche Freunde meldeten sich wieder. Markus sagte nicht mehr so oft ab. Er erzählte nicht viel, aber er hörte anders zu. Aufmerksamer. Geduldiger.
Er merkte, dass sich etwas verschoben hatte. Nicht dramatisch. Eher wie ein Gewicht, das man unmerklich anders trägt.
Die Uhr trug er nun regelmäßig. Sie war kein Schmuck, sondern Begleitung.
Kapitel 44 – Die Wohnung
Eines Nachmittags räumte Markus das Arbeitszimmer um. Er stellte den Schreibtisch näher ans Fenster. Das Licht fiel nun direkter auf die Oberfläche, auf das Notizbuch, auf die losen Blätter, die sich über Monate angesammelt hatten.
Er ordnete nichts neu. Er ließ die Dinge, wie sie waren. Unvollständig. Offen.
Angelikas Lampe blieb stehen. Markus schaltete sie ein, obwohl es hell war. Es gefiel ihm, dass ihr Licht da war, zusätzlich, nicht notwendig, aber vertraut.
Er dachte an sie, ohne Schmerz, ohne Abwehr. Sie war Teil dessen geworden, was er trug. Nicht mehr nur Verlust.
Markus verstand, dass Erinnerung kein Rückzug war. Sie konnte auch ein Schritt nach vorn sein.
Kapitel 45 – Weitergeben
An einem Sonntag ging Markus in den Englischen Garten. Er setzte sich auf eine Bank, die Uhr am Handgelenk, das Notizbuch im Rucksack. Er schrieb nicht. Er schaute.
Kinder spielten, ältere Menschen gingen langsam vorbei, Paare stritten leise. Leben in allen Übergängen.
Markus wusste nicht, was aus seinen Aufzeichnungen werden würde. Vielleicht würde er sie einem Archiv übergeben. Vielleicht würden sie ungelesen bleiben. Das war nicht mehr entscheidend.
Entscheidend war, dass er gefragt hatte. Dass er getragen hatte, was andere abgelegt hatten. Dass die Schatten der Großväter so etwas wie lebendige Namen und zumindest Bruchstücke ihrer Geschichte bekommen hatten.
Er stand auf, ging langsam zurück in Richtung Stadt. Die Uhr tickte.
Zeit ging weiter. Aber sie war nicht mehr leer.
Epilog – Das Weitergeben
Der Sommer 2025 war heiß, aber nicht erdrückend. Die Hitze lag wie ein dünnes Tuch über der Stadt, das man mit einer Geste hätte wegziehen können. Markus saß am Küchentisch, die Uhr vor sich, daneben das Notizbuch, das er in den letzten Monaten gefüllt hatte. Die Seiten waren nicht mehr leer, aber sie waren auch nicht voll. Es waren Fragmente. Bruchstücke. Dinge, die er wusste, und Dinge, die er nie wissen würde.
Er hatte lange überlegt, was er mit der Uhr tun sollte. Sie in eine Schublade zu legen, kam ihm nicht in den Sinn. Sie war kein Schmuckstück, kein Erbstück, das man einfach weitervererbte. Sie war eine Frage. Und Fragen gehörten nicht in eine Schublade.
Drei Tage zuvor hatte er einen Brief erhalten. Von der Universität. Eine Studentin der Geschichte, Lena Voss, hatte ihm geschrieben. Sie recherchierte für ihre Abschlussarbeit über „Alltagssorgen und -geschichten der Sudetendeutschen in der Nachkriegszeit“ und war auf seine Anfragen im Stadtarchiv gestoßen. „Ihre Notizen zu Johann Klose haben mich sehr berührt“, hatte sie geschrieben. „Falls Sie Lust haben, würde ich gerne mehr darüber erfahren. Ihre Adresse hat mir Dr. Bauer verraten.“
Markus hatte den Brief mehrmals gelesen. Er hatte nicht geantwortet.
Jetzt, an diesem Nachmittag, packte er die Uhr vorsichtig in die kleine Holzkassette, in der er sie gefunden hatte. Dazu legte er das Notizbuch, die Kopien der Archiveinträge, die Fotos, die er von Elisabeth bekommen hatte. Und einen kurzen Zettel:
„Für Lena Voss – Manche Geschichten enden nicht. Sie warten nur darauf, dass jemand sie weiterschreibt. Vielleicht finden Sie Worte, die mir fehlten. Markus Huber, München, September 2025“
Er schloss die Kassette, knotete ein Band darum und schrieb die Adresse der Studentin darauf. Keine Erklärung. Keine Entschuldigung. Nur die Gewissheit, dass es jetzt an jemand anderen ging.
Als er das Paket zur Post brachte, spürte er, wie leicht seine Schritte plötzlich waren. Nicht, weil eine Last von ihm abgefallen war. Sondern weil er verstand, dass er sie nicht mehr allein tragen musste.
Die Uhr tickte nicht mehr in seiner Hand oder auf seinem Knie ticken, während er sie, auf dem Boden sitzend, anstarrte. Aber irgendwo würde sie weiterticken.

Die Schatten der Großväter (4)
VII – Die Zeit danach
Kapitel 23 – Einsamkeit
Nach Angelikas Tod war die Wohnung zunächst voller Menschen gewesen. Ihre Verwandtschaft, Kollegen, Bekannte. Sie brachten Kuchen, sagten Sätze, die sie für tröstlich hielten. Markus hörte zu, nickte, dankte. Er funktionierte.
Als die Wohnung sich wieder leerte, blieb etwas zurück, das sich nicht benennen ließ. Eine Schwere, die nicht drückte, sondern zog. Als würde jeder Raum an ihm zerren.
Markus bewegte sich vorsichtig durch die Tage. Er stellte Tassen ab, ohne sie auszutrinken. Er öffnete Fenster und vergaß, sie wieder zu schließen. Die Zeit verlor ihre Ränder. Vormittage gingen in Nachmittage über, ohne dass er den Übergang bemerkte.
Abends saß er oft auf dem Sofa, das Licht gedimmt, und hörte den Geräuschen der Straße zu. Stimmen, Schritte, Motoren. Leben, das an ihm vorbeiging. Er fühlte sich nicht ausgeschlossen, eher zurückgelassen. Wie ein Koffer, der endlos Runden auf einem Gepäckband fuhr und nicht abgeholt wurde.
Angelika fehlte ihm nicht nur als Person, sondern als Resonanz. Sie hatte seine Sätze aufgenommen, selbst die halben, die unsicheren. Jetzt blieben sie in ihm stecken, ungesagt, unfertig.
Manchmal sprach er ihren Namen laut aus, nur um sicherzugehen, dass er ihn noch sagen konnte.
Kapitel 24 – Die Pensionierung
Die Pensionierung kam leise. Kein Abschied, der diesen Namen verdient hätte. Eine kleine Feier, belegte Brötchen, ein paar wohlmeinende Worte. Markus nahm die Glückwünsche entgegen, als gälten sie jemand anderem.
Am nächsten Morgen wachte er zur gewohnten Zeit auf. Er blieb liegen. Niemand wartete auf ihn. Kein Termin, keine Akte, keine Telefonate.
Die Tage dehnten sich. Markus versuchte, ihnen Struktur zu geben. Er ging spazieren, erledigte Einkäufe, las Zeitung. Doch alles fühlte sich provisorisch an, als würde er auf etwas warten, das nicht kam.
Die Langeweile war nicht leer. Sie war schwer. Sie füllte den Raum zwischen den Tätigkeiten, legte sich auf seine Gedanken. Markus merkte, dass Arbeit ihn früher nicht erfüllt, sondern geschützt hatte. Vor sich selbst.
Freunde meldeten sich. Er sagte oft ab. Es kostete ihn zu viel Kraft, zu erklären, warum er nichts zu erzählen hatte.
Abends ging er früh ins Bett. Der Schlaf kam jedoch spät.
Kapitel 25 – Stillstand
Im Frühjahr 2025 bemerkte Markus, dass er sich selbst fremd geworden war. Seine Bewegungen waren langsamer, bedächtiger. Als müsste er sich vergewissern, dass der Boden noch trug.
Er begann, Dinge anzusehen, die er lange ignoriert hatte. Regale, Schubladen, alte Unterlagen. Angelikas Sachen. Seine eigenen.
Die Wohnung schien voller Erinnerungen zu sein, die sich nicht aufdrängten, sondern warteten. Markus spürte, dass er sich bewegen musste, innerlich. Aber er wusste nicht wohin.
Es war eine stille Verzweiflung, ohne Drama. Kein Zusammenbruch, keine Tränen. Nur das Gefühl, dass die Zeit ihn überholt hatte und nun stehen geblieben war, um ihm zuzusehen.
Als er schließlich die Uhr fand, war es kein Moment der Erschütterung, sondern der leisen Irritation. Etwas in ihm regte sich. Vorsichtig. Unentschlossen.
Vielleicht, dachte Markus, war das noch nicht alles gewesen.
VIII – Die Uhr
Kapitel 26 – Aufräumen
Markus machte an einem Vormittag mit dem aufzuräumen weiter, der sich von anderen Vormittagen nicht unterschied. Grauer Himmel, milde Kälte, das diffuse Licht eines Münchner Frühjahrs. Er hatte nichts geplant. Vielleicht war es genau dieses Grau.
Er nahm Kartons aus dem Keller, stellte sie im Wohnzimmer auf. Sozialkaufhaus, hatte er auf einen geschrieben. Die Buchstaben waren ordentlich, fast streng. Er mochte klare Beschriftungen.
Angelikas Kleidung gab er leichter weg, als er erwartet hatte. Er nahm ein Stück heraus, hielt es kurz, legte es hinein. Keine großen Gesten. Keine Tränen. Er wunderte sich darüber und schämte sich ein wenig.
Kapitel 27 – Die Zeit
Er setzte sich zum x-ten Mal auf den Boden, die Uhr auf einem Knie. Das Wohnzimmer war still. Kein Fernseher, kein Radio. Nur sein Atem.
J. K., 1938.
Markus sprach die Initialen leise aus. Johann Klose. Sein Großvater. Ein Mann, über den nie gesprochen worden war. Nicht aus Verachtung, sondern aus Gewohnheit.
Markus versuchte, sich an seine Stimme zu erinnern. Es gab keine Erinnerung. Nur das Wissen, dass es ihn gegeben hatte.
Das Ticken der Uhr veränderte in all der Stille den Raum. Es wirkte nicht aufdringlich. Es war da. So wie etwas da ist, das lange gewartet hat.
Markus dachte an Zeit. An all die Jahre, die er nicht gefragt hatte. An all die Antworten, die niemand mehr geben konnte. Und an sich selbst, der nun hier saß, ohne Aufgabe, ohne Richtung.
Vielleicht, dachte er, war die Uhr nicht nur eine Entdeckung. Vielleicht war sie zugleich ein Auftrag.
Kapitel 28 – Der Entschluss
Am Abend legte Markus die Uhr neben sein Bett. Er hörte ihr Ticken, er empfand es erstmals als Forderung. Bald schlief er ein.
Am nächsten Morgen setzte er sich an den Küchentisch, nahm ein leeres Notizbuch, starrte eine Weile unentschlossen auf die leere, erste Seite und schrieb endlich oben auf die erste Seite einen Namen:
Johann Klose - Darunter ein Datum: 1908.
Er wusste nicht, was er suchte. Wahrheit vielleicht. Oder Zusammenhang. Oder nur Bewegung. Markus spürte zum ersten Mal seit Langem so etwas wie Erwartung. Sie war klein, unscheinbar, aber sie war da. Ein leiser Zug nach vorn. Er wusste, dass er spät dran war. Aber spät war besser als nie. Die Suche im Internet genügte ihm nicht mehr. Er wollte Akten sehen. Altes, staubiges Papier.
Die Uhr tickte. Zeit, dachte Markus, war vielleicht nichts anderes als die Summe dessen, was man sich zu erinnern traute.
Kurzroman
|
mayersnotizblog am 25.06.26
|
Permalink
|
0 Kommentare
|
kommentieren

Die Schatten der Großväter (3)
V – Markus
Kapitel 16 – Kindheit
Markus wuchs in einer Wohnung auf, in der alles seinen Platz hatte. Die Möbel standen fest, die Abläufe ebenso. Frühstück um halb sieben, Mittagessen um zwölf, Abendessen um sechs. Abweichungen galten nicht als Freiheit, sondern als Störung.
Seine Mutter Elisabeth war freundlich, aber zurückhaltend. Sie stellte Fragen, die keine großen Antworten verlangten. Hast du Hunger? War es schön in der Schule? Markus lernte, dass man mit ja oder passt schon alles sagen konnte, was nötig war.
Der Vater Franz war anwesend, ohne präsent zu sein. Er arbeitete viel, sprach wenig und hörte aufmerksam zu, wenn Markus etwas erzählte – aber er fragte nicht nach. Das beruhigte Markus. Nachfragen konnten bedeuten, dass man etwas falsch gemacht hatte.
In der Wohnung gab es kaum Fotos. Keine aus der Zeit vor dem Krieg, keine aus der alten Heimat des Vaters. Nur von den Eltern, von Markus als Kind, ordentlich angezogen, leicht verlegen vor der Kamera. Er lächelte, wie man lächelt, wenn man nicht weiß, was erwartet wird.
Markus lernte früh, sich anzupassen. Er störte nicht. Er fiel nicht auf. Er war ein gutes Kind.
Kapitel 17 – Schule
In der Schule war Markus unauffällig. Nicht schlecht, nicht besonders gut. Er meldete sich selten, wusste aber meist die Antwort. Lehrer mochten ihn, weil er keine Arbeit machte.
Er hatte Freunde, aber keine engen. Nähe war etwas, das man vorsichtig behandelte. Wenn andere Kinder von ihren Großeltern erzählten, von Geschichten aus der Vergangenheit, hörte Markus zu und schwieg. Er hatte nichts beizutragen.
Einmal fragte er seine Mutter, woher der Vater eigentlich komme. Elisabeth sah ihn kurz an, dann sagte sie: „Von früher.“ Mehr nicht.
Markus fragte nicht weiter.
Er entwickelte eine Vorliebe für Regeln. Regeln waren klar. Sie gaben Sicherheit. Sie verlangten nichts Persönliches.
Als er älter wurde, dachte er kurz an ein Studium. Etwas mit Geschichte vielleicht. Er verwarf den Gedanken schnell. Geschichte bedeutete Fragen. Fragen führten zu Unruhe.
Kapitel 18 – Sicherheiten
Markus entschied sich für den Staatsdienst, ohne das als Entscheidung zu empfinden. Es war der logische Weg. Sicher. Überschaubar. Anerkannt.
Der Vater nickte, als Markus es ihm sagte. Die Mutter lächelte erleichtert. Es war, als hätte er eine Prüfung bestanden, von der er nicht wusste, dass sie existierte.
In diesen Jahren lernte Markus Angelika kennen. Sie war anders. Sie sprach viel, fragte nach, lachte laut. Am Anfang irritierte ihn das. Dann zog es ihn an.
Angelika erzählte von ihrer Familie, von Konflikten, von alten Geschichten. Markus hörte zu und staunte. Dass man so leben konnte.
Mit ihr begann er langsam, Worte zu finden. Nicht viele. Aber mehr als zuvor.
VI – Angelika
Kapitel 19 – Begegnung
Der Tanzabend war eine Idee des Behörden-Sportvereins gewesen, einer dieser Versuche, große Gemeinschaft zu erschaffen, wo bestenfalls gut geübte Höflichkeit herrschte. Die Musik war gerade laut genug, die Lichter dafür zu grell, und Markus stand am Rand der Tanzfläche, die Hände in den Taschen, als warte er darauf, dass die Zeit schneller verginge. Er hatte sich nur überreden lassen, weil Peter, ein Kollege aus der Abteilung, ihn mitgenommen hatte. „Komm schon, Huber, du siehst aus wie ein Bestatter. Ein bisschen Ablenkung tut dir gut.“ Markus hatte genickt, nicht weil er zustimmte, sondern weil Widerspruch zu viel Energie gekostet hätte.
Dann sah er sie.
Angelika tanzte nicht besonders anmutig, aber sie tanzte. Im Gegensatz zu den anderen Frauen, die sich in den Armen ihrer Partner hielten, bewegte sie sich, als gehöre ihr der Raum. Ihr Kleid war rot – nicht aufdringlich, aber auch nicht unauffällig. Ihr Lachen klang laut, voll und herzlich. Markus beobachtete sie eine Weile, ohne es zu merken. Etwas an ihr irritierte ihn. Nicht, weil sie hübsch war, sondern weil sie präsent war. Als würde sie nicht nur da sein, sondern auch da bleiben wollen.
„Du starrst.“ Peter stand plötzlich neben ihm, ein Bier in der Hand. Markus zuckte zusammen. „Nein.“ „Doch.“ Peter grinste. „Aber keine Sorge, sie hat’s auch bemerkt.“
Markus spürte, wie ihm das Blut in die Wangen schoss. Er hasste es, wenn jemand seine Blicke deutete. „Ich habe nicht…“ – er brach ab. Es war sinnlos. Peter würde ihm ohnehin nicht glauben.
„Sie heißt Angelika“, sagte Peter. „Buchhaltung, glaube ich. Oder Personal. Jedenfalls redet sie viel.“ Er nahm einen Schluck Bier. „Genau das Richtige für dich.“
Markus antwortete nicht. Er wusste, was Peter meinte: Du bist zu still. Sie ist zu laut. Das gleicht sich aus. So dachte die Welt. Als wäre alles eine Rechnung, die aufgehen musste.
Doch dann passierte etwas Seltsames.
Angelika kam auf sie zu. Nicht direkt, nicht aufdringlich – sie schien eher zufällig in ihre Richtung zu driften, als würde sie den Weg suchen und nicht finden. Als sie näher kam, lächelte sie Markus an, nicht verlegen, nicht herausfordernd, sondern so, als wäre es das Natürlichste der Welt.
„Sie tanzen nicht?“, fragte sie.
Markus schüttelte den Kopf. „Nein.“ „Schade.“ Sie musterte ihn einen Moment. „Sie sehen aus, als könnten Sie es.“
Er wusste nicht, was er darauf sagen sollte. „Danke“ klang falsch. „Nein“ wäre unhöflich gewesen. Also schwieg er.
Angelika zögerte nicht. „Ich heiße Angelika.“ „Ich weiß.“ Die Worte waren heraus, bevor er nachdenken konnte. Sie lachte. „Ah, Peter hat also doch was Nützliches getan.“
Markus spürte, wie sich etwas in ihm regte – nicht Unbehagen, nicht Ablehnung, sondern etwas, das er nicht benennen konnte. Vielleicht war es Neugier. Vielleicht war es die seltsame Gewissheit, dass sie ihn nicht bedrängen würde, auch wenn sie redete.
„Warum stehen Sie hier allein?“, fragte sie.
Er zuckte mit den Schultern. „Ich mag keine Menschenmengen.“ „Oder Sie wissen nicht, was Sie mit ihnen anfangen sollen.“ Das traf ihn. Nicht, weil es falsch war, sondern weil es zu genau war. „Vielleicht.“
Sie sah ihn an, und ihr Blick war nicht mitleidig, nicht fordernd, nur… interessiert. „Wollen Sie mit mir reden? Oder sollen wir einfach schweigend hier stehen? Beides ist in Ordnung.“
Markus starrte auf seine Schuhe. Er hatte noch nie jemanden getroffen, der Schweigen nicht als Abwehr, sondern als Möglichkeit betrachtete. „Ich weiß nicht, worüber man hier redet.“
Angelika lachte wieder, leiser diesmal. „Über alles Mögliche. Über die Musik. Über das Wetter. Über die Frage, warum Sie aussehen, als hätten Sie gerade einen Geist gesehen.“
Er musste unwillkürlich schmunzeln. „Ich sehe nicht so aus.“ „Doch.“ Sie beugte sich leicht vor, als würde sie ihm ein Geheimnis verraten. *„Aber das ist nicht schlimm. Ich mag Gespenster.“
Etwas in ihm lockerte sich. Nicht viel. Aber genug, um zu bleiben.
Später, als die Musik langsamer wurde, fragte sie: „Tanzen Sie jetzt mit mir?“ Er zögerte. „Ich kann nicht.“ „Das macht nichts. Ich auch nicht.“ Sie streckte die Hand aus.
Markus blickte auf ihre Finger, schlank, mit einem schmalen Ring am Mittelfinger. Er spürte, wie sein Herz schneller schlug – nicht aus Angst, sondern weil er jetzt verstand, dass dies ein Moment war, in dem etwas beginnen konnte. Etwas, das er nicht geplant hatte. Etwas, das vielleicht sogar gut war.
Langsam legte er seine Hand in ihre. Sie waren beim, „Du“.
Es war kein großer Schritt. Aber es war einer.
Kapitel 20 – Angelika
Angelika war in Markus’ Leben getreten ohne sich anzukündigen. Sie war im gleichen Jahr geboren wie Markus, im April 1962. Sie erzählte das und Vieles mehr gleich beim ersten Kaffee nach dem Tanzabend, als sei es eine Selbstverständlichkeit, Dinge über sich preiszugeben. Markus merkte, dass er rot wurde, ohne zu wissen warum.
Angelika fragte nach. Nicht aufdringlich, aber beharrlich. Sie wollte wissen, woher er kam, wie er aufgewachsen war, was er dachte. Markus antwortete ausweichend. Er hatte Übung darin. Angelika ließ das gelten, vorerst.
Sie zogen nach einigen Jahren zusammen. Die Wohnung in der Maria-Luiko-Straße war Angelikas Idee gewesen. Sie mochte den Stadtteil, die Mischung aus Altem und Neuem, aus Gewöhnlichem und Geschichte. Markus fand die Wohnung praktisch. Das reichte.
Angelika brachte Unordnung mit. Bücherstapel, Notizzettel, halb gelesene Zeitungen. Markus gewöhnte sich daran. Er lernte, Dinge stehen zu lassen. Kleine Dinge zuerst.
Sie heirateten ohne großes Fest. Angelika wollte kein Aufsehen, keine Übertreibungen. Markus war dankbar dafür.
Kapitel 21 – Die gemeinsamen Jahre
Die Ehe war ruhig. Nicht leidenschaftlich, aber verlässlich. Markus und Angelika redeten viel, zumindest im Vergleich zu dem, was Markus aus seiner Kindheit kannte. Angelika erzählte, Markus hörte zu. Manchmal erzählte auch er. Bruchstückhaft. Zögernd.
Sie hatten keine Kinder. Es war kein großes Thema. Angelika hätte vielleicht gewollt, Markus war unentschlossen. Die Zeit verging, ohne dass sie eine Entscheidung trafen. Irgendwann war es zu spät. Sie stellten fest, dass sie damit leben konnten.
Angelika arbeitete gern. Markus auch. Abends saßen sie zusammen, lasen, sahen fern, sprachen über Dinge, die andere vielleicht banal gefunden hätten. Für Markus waren sie neu. Austausch. Nähe.
Angelika fragte manchmal nach seinen Eltern, nach den Großeltern. Markus wusste wenig zu sagen. Angelika drängte nicht. Sie wusste, wann Fragen Mauern bauten.
Es waren gute Jahre. Markus erkannte Manches erst später.
Kapitel 22 – Die Krankheit
Die Diagnose kam an einem Regendienstag 2022. Krebs. Ein Wort, das sich nicht einordnen ließ. Angelika nahm es gefasster auf als Markus. Sie stellte Fragen, machte Termine, organisierte ihr Weiterleben.
Markus funktionierte. Er begleitete sie, saß neben ihr, hielt ihre Hand. Er war zuverlässig. Still. Er sagte die richtigen Dinge, weil er sie gelernt hatte.
Die Krankheit nahm Raum ein. Gespräche drehten sich um Befunde, Behandlungen, Nebenwirkungen. Zeit wurde wieder etwas Messbares. Termine. Fristen.
Angelika verlor an Kraft, aber nicht an Sprache. Sie sprach bis zuletzt. Markus hörte zu. Mehr konnte er nicht tun.
Als sie starb, war wähnte sich Markus vorbereitet aber es stimmte nicht. Der Moment war ruhig. Zu ruhig.
Danach blieb eine Stille, die er kannte. Und doch war sie anders. Sie war endgültig.
Kurzroman
|
mayersnotizblog am 10.06.26
|
Permalink
|
0 Kommentare
|
kommentieren

Die Schatten der Großväter (2)
II – Johann Klose
Kapitel 6 – Das Dorf
Das Dorf, in dem Johann Klose aufwuchs, bestand aus einer Handvoll Häusern, einer Kirche, einem Wirtshaus und der Straße, die hindurchführte und zugleich hinaus. Der Geruch von Holzrauch hing über den Dächern, vermischt mit dem säuerlichen Duft der Äpfel, die in den Gärten faulten. Die Kirche schlug jede Stunde, als wollte sie die Zeit festhalten, die hier langsamer verging als anderswo.
Wer blieb, tat es aus Notwendigkeit, wer ging, aus Hoffnung. Johann gehörte zu denen, die blieben, solange es nötig war.
Er wurde 1908 geboren, in einem Winter, an den sich später niemand erinnerte. Seine Mutter sagte einmal, es sei kalt gewesen, aber Kälte war nichts Besonderes in diesen Jahren. Sie war ein Zustand.
Der Vater arbeitete, wenn es Arbeit gab, und schwieg, wenn es nichts zu sagen gab. Er glaubte an Ordnung, nicht aus Überzeugung, sondern aus Erschöpfung. Ordnung versprach Ruhe. Johann lernte früh, dass Fragen Unruhe stifteten.
Die Schule endete früh. Danach begann die Lehre beim Bäcker im Nachbarort. Der Geruch von Mehl und Hefe blieb Johann ein Leben lang vertraut, selbst in den Jahren, in denen Brot Mangelware wurde. Arbeit bedeutete Rhythmus, und Rhythmus bedeutete Halt.
Johann war kein auffälliger junger Mann. Er sprach wenig, lachte selten laut, fiel nicht auf. Gerade deshalb wurde er gemocht. Er stellte keine Ansprüche.
Als die politische Sprache ins Dorf kam, in Form von Versammlungen, Fahnen und neuen Begriffen, hörte Johann zu, ohne sich beteiligt zu fühlen. Die Welt veränderte sich, aber sie tat es zunächst in Worten, nicht in Taten. Worte konnte man überhören.
Kapitel 7 – Das Hochzeitsgeschenk
Die Uhr bekam Johann im Frühjahr 1938. Seine Frau Anna schenkte sie ihm am Tag ihrer Hochzeit, noch bevor die Gäste eintrafen. Sie war teuer gewesen, zu teuer für ihre Verhältnisse, und Johann wusste das.
„Damit du weißt, wie spät es ist“, sagte sie und lächelte unsicher.
Johann legte die Uhr an und spürte ihr Gewicht. Sie war schwerer als erwartet, fast massiv. Zum ersten Mal besaß er etwas, das nicht unmittelbar dem Überleben diente.
1938 war ein Jahr voller Zeichen, auch wenn man sie erst später als solche erkannte. In der Stadt sprach man lauter, im Dorf vorsichtiger. Johann hörte von Anschlüssen, von Jubel, von Bedrohungen, aber all das blieb fern. Er hatte Anna, eine Arbeit, eine Uhr. Es schien genug.
Als der Einberufungsbefehl kam, faltete Johann das Papier sorgfältig zusammen. Er sagte nichts. Anna sah ihn an und verstand sofort.
„Wie lange?“, fragte sie.
Johann zuckte die Schultern. Zeit war plötzlich etwas, das anderen gehörte.
Er nahm die Uhr mit. Nicht aus Sentimentalität, sondern aus Gewohnheit. Sie erinnerte ihn an etwas, das außerhalb der Befehle existierte.
Kapitel 8 – Der Krieg
Der Krieg begann für Johann nicht mit Schüssen, sondern mit Warten. Warten auf Befehle, auf Transporte, auf Essen. Die Front war ein Zustand, kein Ort.
Johann konnte etwas Wichtiges, sich unauffällig verhalten. Er tat, was man ihm sagte, und stellte keine Fragen. Er wollte überleben, mehr nicht. Ideologien blieben abstrakt, Schuld ein Wort, das man vermied.
Die Uhr trug er unter dem Ärmel. Manchmal sah er auf sie, ohne die Zeit wirklich zu erfassen. Minuten hatten keine Bedeutung mehr. Nur Tage. Und auch die verschwammen.
Er sah Dinge, die er später nicht benennen konnte. Er tat Dinge, über die er nie sprechen würde. Nicht aus Scham allein, sondern weil ihm dafür Sprache fehlte.
In Briefen an Anna schrieb er von Wetter, von Kameraden, von kleinen Erleichterungen. Er erwähnte nichts Wesentliches. Er glaubte, sie schützen zu müssen. Vielleicht schützte er sich selbst.
Als der Krieg endete, war Johann ein anderer Mann, ohne genau zu wissen, worin die Veränderung bestand. Er kam zurück, lebend, was ihm wie ein Zufall erschien.
Er legte die Uhr ab. Sie war stehen geblieben.
Kapitel 9 – Die Rückkehr
Johann kehrte im Herbst 1945 zurück. Nicht an einem bestimmten Tag, sondern allmählich. Er kam näher, Schritt für Schritt, Bahnstation für Bahnstation, als müsse er sich erst wieder an die Nähe des Zuhauses gewöhnen.
Das Dorf war noch da. Das war mehr, als viele sagen konnten. Die Kirche stand, das Wirtshaus auch. Manche Menschen fehlten. Andere waren da, aber verändert.
Anna erkannte ihn sofort. Er erkannte sie erst, als sie sprach.
Sie umarmten sich unbeholfen. Johann wusste nicht, wohin mit den Händen. Der Körper erinnerte sich langsamer als der Verstand.
Er sprach wenig. Anna stellte keine Fragen. Sie hatte gelernt zu warten. In den Nächten lag Johann wach. Geräusche machten ihn unruhig. Er dachte nicht an den Krieg. Er dachte an nichts Bestimmtes. Das war anstrengend genug.
Die Uhr lag in der Schublade. Johann zog sie nicht wieder auf.
Kapitel 10 – Vater
Das erste Kind wurde 1946 geboren. Ein Mädchen. Elisabeth.
Johann hielt sie unbeholfen, als hätte man ihm etwas Zerbrechliches übergeben, für das er keine Anleitung hatte. Er betrachtete ihr Gesicht lange. Es kam ihm fremd vor, und doch fühlte er sich verantwortlich.
Vatersein bedeutete für Johann vor allem eines: da sein. Arbeiten. Nicht versagen.
Er erzählte Elisabeth keine Geschichten. Er brachte ihr bei, pünktlich zu sein, ordentlich, still. Das Leben war schwer genug, er wollte es nicht komplizierter machen.
Manchmal sah er die Uhr in der Schublade. Er nahm sie heraus, drehte sie in der Hand. Er dachte daran, sie dem Kind eines Tages zu schenken. Dann legte er sie zurück.
Zeit war etwas, das man hinter sich brachte.
III – Karl Huber
Kapitel 11 – Der Verlust
Karl Huber verlor seine Heimat an einem Tag, der später kein Datum mehr hatte. Es war Frühling, so viel wusste er. Die Bäume standen in Blüte, als hätte die Welt nichts verstanden.
Er war zweiundvierzig Jahre alt, als man ihm sagte, dass er gehen müsse. Nicht sofort, aber bald. Mitnehmen dürfe er, was er tragen könne. Der Rest gehöre nun anderen.
Karl diskutierte nicht. Er packte Dokumente ein, Kleidung für die Kinder, ein Foto seiner Eltern. Alles andere ließ er zurück. Möbel waren ersetzbar. Erinnerungen nicht, aber sie wogen zu viel.
Die Reise nach Westen dauerte Wochen. Züge, Lager, Warten. Karl lernte, nicht zu fragen, wohin genau. Hauptsache weg.
Als sie in Bayern ankamen, war er ein Fremder. Das blieb er.
Kapitel 12 – Das neue Leben
Karl arbeitete sofort. Er glaubte nicht an Übergänge. Wer arbeitete, durfte bleiben.
Die Einheimischen sahen ihn skeptisch an. Er sprach anders, aß anders, dachte anders. Er senkte den Blick und machte weiter.
Seine Frau weinte nachts. Die Kinder stellten Fragen. Karl antwortete nicht. Er wusste nicht, was er sagen sollte. Verlust ließ sich nicht erklären.
Er trank. Nicht viel, aber regelmäßig. Alkohol machte die Stille erträglicher.
Die Vergangenheit erwähnte er nicht. Sie hatte ihm nichts mehr zu bieten.
Kapitel 13 – Spiegel
Johann Klose und Karl Huber hätten sich im Schweigen verstehen können. Oder sich nichts zu sagen gehabt. Beides lief auf dasselbe hinaus.
Beide glaubten an Arbeit. An Ordnung. An Schweigen. Sie wollten ihre Kinder schützen, indem sie ihnen nichts erzählten.
Was sie nicht wussten: Sie gaben das Schweigen weiter.
IV – Die Kinder der Stille
Kapitel 14 – Elisabeth
Elisabeth Klose wuchs in einem Haus auf, in dem nichts fehlte und vieles nicht gesagt wurde. Ihr Vater war da. Jeden Abend. Pünktlich. Er aß, las Zeitung, ging schlafen. Er schlug nicht, er trank nicht, er schrie nicht. Er schwieg.
Sie lernte, die Türen leise zu schließen, als könnte ein Knall die dünne Haut des Friedens zerreißen, der über dem Haus lag. Manchmal, wenn der Vater besonders still war, spürte sie, wie die Luft im Raum dicker wurde, als würde sie etwas erwarten – eine Entschuldigung, eine Erklärung, etwas, das nie kam. Fragen wurden vorsichtig gestellt. Die Mutter antwortete, wenn sie konnte, und wich aus, wenn sie musste.
Über den Krieg wurde nicht gesprochen. Es gab keine Fotos, keine Orden, keine Erinnerungen. Elisabeth wusste nur, dass ihr Vater „dabei gewesen“ war. Wobei, blieb unklar.
In der Schule war sie fleißig. Fleiß war etwas, das man sehen konnte. Gefühle nicht.
Sie entwickelte eine besondere Sensibilität für Stimmungen. Sie wusste, wann man lieber nichts sagte. Das brachte ihr Lob ein. Ein braves Kind.
Elisabeth hielt Ordnung für etwas Moralisches. Wer Ordnung hielt, machte nichts falsch.
Kapitel 15 – Franz
Der Sohn von Karl Huber hieß Franz. Er war sechs Jahre alt gewesen, als sie ihre Heimat verlassen hatten. Alt genug, um sich zu erinnern. Jung genug, um zu glauben, dass Erinnerungen gefährlich waren.
Franz wusste, dass sein Vater wütend war. Er wusste nur nicht, worauf. Er lernte, Abstand zu halten. Er lernte, sich anzupassen.
In der Schule wurde er „der Flüchtling“ genannt. Später „der Sudetendeutsche“. Er gewöhnte sich daran, anders zu sein, ohne zu wissen, was dieses Anders bedeutete.
Sein Vater arbeitete viel. Wenn er da war, war er still oder müde. Manchmal roch er nach Alkohol. Franz stellte keine Fragen. Er wollte nicht zusätzlich auffallen.
Er lernte, dass Herkunft etwas war, das man besser verschwieg.
Kurzroman
|
mayersnotizblog am 10.06.26
|
Permalink
|
0 Kommentare
|
kommentieren

Die Schatten der Großväter (1)
Prolog – Die Uhr
Das Ticken war kaum zu hören. Und doch war es da, leise, hartnäckig, wie ein Gedanke, den man nicht loswird.
Markus Huber saß auf dem Wohnzimmerboden, zwischen halb geleerten Kartons und einem Stapel alter Blusen, die nach Angelikas Parfum rochen. Lavendel, ein Hauch Zitrus. Er hielt inne, als hätte ihn jemand gerufen. In seiner Hand lag die Armbanduhr.
Ein schmales Lederband, brüchig an den Rändern, das Glas leicht zerkratzt. Auf der Rückseite eine kaum lesbare Gravur: J. K., 1938. Sein Großvater. Mütterlicherseits. Johann Klose.
Markus hatte diese Uhr als Kind gesehen, später noch einmal bei der Beerdigung seiner Großmutter. Danach war sie verschwunden, irgendwo in einer Schublade, so wie viele Dinge verschwanden, ohne dass man sie wirklich vermisste. Bis jetzt.
Er ließ sich rücklings gegen das Sofa sinken. Die Wohnung in der Maria-Luiko-Straße war still. Früher Hilblestraße, hatte Angelika immer betont, mit Betonung auf früher, als hätte sie Angst, die Vergangenheit könne sonst endgültig zurückkommen. Draußen rauschte der Verkehr der Dachauer Straße sein fernes, gleichmäßiges Rauschen.
„Was weiß ich eigentlich von euch?“, murmelte er und betrachtete die Uhr. Nicht viel, musste er sich eingestehen. Ein paar Daten, ein paar Fotos. Schweigen. Immer viel Schweigen.
In diesem Moment, zwischen Kartons und Staub, beschloss Markus Huber, sich auf die Suche zu machen. Nicht aus Mut. Aus Mangel an Alternativen.
I – Die Gegenwart des Vergessens
Kapitel 1 – Die Wohnung nach dem Tod
Als Markus Huber an diesem Morgen erwachte, war ihm, als habe jemand die Zeit angehalten und vergessen, sie wieder in Gang zu setzen. Das Licht fiel schräg durch die halb geschlossenen Rollläden, staubig, unbewegt. Neben ihm war das Bett leer, wie es seit zwei Jahren leer war, und dennoch streckte er kurz die Hand aus, eine Gewohnheit, die er sich nicht abgewöhnt hatte.
Er blieb liegen. Die Geräusche der Stadt drangen gedämpft herauf: ein Lieferwagen, ein entferntes Martinshorn, Schritte im Treppenhaus. Neuhausen lebte weiter, unbeeindruckt davon, dass in der Maria-Luiko-Straße ein Mann lag, der nichts mehr erwartete.
Markus war zweiundsechzig Jahre alt, pensioniert, verwitwet. Diese drei Wörter reichten aus, um ihn zu beschreiben, und sie erschreckten ihn durch ihre Endgültigkeit. Früher hatte er geglaubt, das Leben bestehe aus Übergängen. Jetzt schien es ihm aus abgeschlossenen Räumen zu bestehen, deren Türen man hinter sich zuzog, ohne Schlüssel.
Er stand auf, ging ins Bad, betrachtete sein Gesicht. Es war das Gesicht seines Vaters, das er aus alten Fotografien kannte, nur älter. Ein Gesicht, das gelernt hatte, nicht zu viel zu zeigen.
Kapitel 2 – Die Dinge der Toten
Der Tag verging ereignislos. Markus las Zeitung, ohne sich zu erinnern, was er gelesen hatte. Er ging einkaufen, vergaß die Hälfte. Am Nachmittag setzte er sich an den Küchentisch, an dem er früher mit Angelika gesessen hatte, mit einer Tasse Kaffee, die sie selten austrank.
Es war etwas anderes allein zu schweigen, als gemeinsam zu schweigen. Angelika hatte seine Stille verstanden, hatte sie ausgehalten. Ihr hatte er nicht erklären müssen, warum er wenig erzählte.
Er beschloss aufzuräumen. Nicht aus Entschlossenheit, sondern aus Ermüdung.
Kapitel 3 – Der Entschluss
Die Dinge der Toten widersetzten sich der Ordnung. Sie schienen sich zu vermehren, sobald man sie berührte. Markus öffnete Schubladen, fand Briefe, die nicht an ihn gerichtet waren, Rechnungen aus einer anderen Zeit, kleine Zettel mit Angelikas Handschrift. Dinge, die ihm nun bedeutungslos erschienen und gerade deshalb unerträglich waren.
In einer Schachtel, die er nie zuvor geöffnet hatte, lag die Uhr.
Sie war alt, schlicht, unscheinbar. Und doch wusste Markus sofort, dass sie wichtig war. Er drehte sie um, las die Initialen. J. K.
Johann Klose.
Der Name löste nichts aus, und genau das erschreckte ihn. Es war der Name seines Großvaters, eines Mannes, der sein Leben bestimmt hatte, ohne je darin vorzukommen.
Markus setzte sich auf den Boden, die Uhr in der Hand, und zum ersten Mal seit langer Zeit verspürte er etwas, das man Neugier nennen konnte.
Kapitel 4 – Elisabeth
Am Abend zog er die Uhr auf. Sie begann zu laufen, als habe sie nur auf diese Berührung gewartet. Das Ticken war leise, aber beständig. Es erinnerte ihn an den Herzschlag eines Menschen, den man kaum hört, solange er regelmäßig schlägt.
Er dachte an seine Eltern. An das Schweigen bei Familienfesten. An die Sätze, die nie beendet worden waren. Darüber spricht man nicht. Das war eine andere Zeit.
Markus hatte diese Sätze nie hinterfragt. Er hatte gelernt, dass Fragen Unruhe stifteten. Jetzt gab es kaum noch jemanden den er hätte beunruhigen können. Höchstens seine Mutter, sie lebte ihr zerbrechliches Leben in einem Pflegeheim. Er spürte, wie sehr sie ihm alle fehlten.
Kapitel 5 – Johann Klose
Die Recherche begann zögerlich. Melderegister, Kirchenbücher, Archive. Markus bewegte sich durch die Vergangenheit wie durch ein fremdes Land, dessen Sprache er nur bruchstückhaft verstand.
Johann Klose, geboren 1908. Katholisch. Bäckerlehre. Einzug zur Wehrmacht 1939.
Es waren Daten ohne Stimme. Und doch veränderten sie etwas. Markus begann, sich vorzustellen, wie dieser Mann gewesen sein mochte. Nicht als Soldat, sondern als Sohn, als junger Mann, der glaubte, sein Leben noch vor sich zu haben.
Er legte die Uhr neben den Laptop. Sie tickte.
Kurzroman
|
mayersnotizblog am 09.06.26
|
Permalink
|
0 Kommentare
|
kommentieren
