Die Schatten der Großväter (4)
VII – Die Zeit danach
Kapitel 23 – Einsamkeit

Nach Angelikas Tod war die Wohnung zunächst voller Menschen gewesen. Ihre Verwandtschaft, Kollegen, Bekannte. Sie brachten Kuchen, sagten Sätze, die sie für tröstlich hielten. Markus hörte zu, nickte, dankte. Er funktionierte.
Als die Wohnung sich wieder leerte, blieb etwas zurück, das sich nicht benennen ließ. Eine Schwere, die nicht drückte, sondern zog. Als würde jeder Raum an ihm zerren.
Markus bewegte sich vorsichtig durch die Tage. Er stellte Tassen ab, ohne sie auszutrinken. Er öffnete Fenster und vergaß, sie wieder zu schließen. Die Zeit verlor ihre Ränder. Vormittage gingen in Nachmittage über, ohne dass er den Übergang bemerkte.
Abends saß er oft auf dem Sofa, das Licht gedimmt, und hörte den Geräuschen der Straße zu. Stimmen, Schritte, Motoren. Leben, das an ihm vorbeiging. Er fühlte sich nicht ausgeschlossen, eher zurückgelassen. Wie ein Koffer, der endlos Runden auf einem Gepäckband fuhr und nicht abgeholt wurde.
Angelika fehlte ihm nicht nur als Person, sondern als Resonanz. Sie hatte seine Sätze aufgenommen, selbst die halben, die unsicheren. Jetzt blieben sie in ihm stecken, ungesagt, unfertig.
Manchmal sprach er ihren Namen laut aus, nur um sicherzugehen, dass er ihn noch sagen konnte.

Kapitel 24 – Die Pensionierung

Die Pensionierung kam leise. Kein Abschied, der diesen Namen verdient hätte. Eine kleine Feier, belegte Brötchen, ein paar wohlmeinende Worte. Markus nahm die Glückwünsche entgegen, als gälten sie jemand anderem.
Am nächsten Morgen wachte er zur gewohnten Zeit auf. Er blieb liegen. Niemand wartete auf ihn. Kein Termin, keine Akte, keine Telefonate.
Die Tage dehnten sich. Markus versuchte, ihnen Struktur zu geben. Er ging spazieren, erledigte Einkäufe, las Zeitung. Doch alles fühlte sich provisorisch an, als würde er auf etwas warten, das nicht kam.
Die Langeweile war nicht leer. Sie war schwer. Sie füllte den Raum zwischen den Tätigkeiten, legte sich auf seine Gedanken. Markus merkte, dass Arbeit ihn früher nicht erfüllt, sondern geschützt hatte. Vor sich selbst.
Freunde meldeten sich. Er sagte oft ab. Es kostete ihn zu viel Kraft, zu erklären, warum er nichts zu erzählen hatte.
Abends ging er früh ins Bett. Der Schlaf kam jedoch spät.

Kapitel 25 – Stillstand

Im Frühjahr 2025 bemerkte Markus, dass er sich selbst fremd geworden war. Seine Bewegungen waren langsamer, bedächtiger. Als müsste er sich vergewissern, dass der Boden noch trug.
Er begann, Dinge anzusehen, die er lange ignoriert hatte. Regale, Schubladen, alte Unterlagen. Angelikas Sachen. Seine eigenen.
Die Wohnung schien voller Erinnerungen zu sein, die sich nicht aufdrängten, sondern warteten. Markus spürte, dass er sich bewegen musste, innerlich. Aber er wusste nicht wohin.
Es war eine stille Verzweiflung, ohne Drama. Kein Zusammenbruch, keine Tränen. Nur das Gefühl, dass die Zeit ihn überholt hatte und nun stehen geblieben war, um ihm zuzusehen.
Als er schließlich die Uhr fand, war es kein Moment der Erschütterung, sondern der leisen Irritation. Etwas in ihm regte sich. Vorsichtig. Unentschlossen.
Vielleicht, dachte Markus, war das noch nicht alles gewesen.

VIII – Die Uhr
Kapitel 26 – Aufräumen

Markus machte an einem Vormittag mit dem aufzuräumen weiter, der sich von anderen Vormittagen nicht unterschied. Grauer Himmel, milde Kälte, das diffuse Licht eines Münchner Frühjahrs. Er hatte nichts geplant. Vielleicht war es genau dieses Grau.
Er nahm Kartons aus dem Keller, stellte sie im Wohnzimmer auf. Sozialkaufhaus, hatte er auf einen geschrieben. Die Buchstaben waren ordentlich, fast streng. Er mochte klare Beschriftungen.
Angelikas Kleidung gab er leichter weg, als er erwartet hatte. Er nahm ein Stück heraus, hielt es kurz, legte es hinein. Keine großen Gesten. Keine Tränen. Er wunderte sich darüber und schämte sich ein wenig.

Kapitel 27 – Die Zeit

Er setzte sich zum x-ten Mal auf den Boden, die Uhr auf einem Knie. Das Wohnzimmer war still. Kein Fernseher, kein Radio. Nur sein Atem.
J. K., 1938.
Markus sprach die Initialen leise aus. Johann Klose. Sein Großvater. Ein Mann, über den nie gesprochen worden war. Nicht aus Verachtung, sondern aus Gewohnheit.
Markus versuchte, sich an seine Stimme zu erinnern. Es gab keine Erinnerung. Nur das Wissen, dass es ihn gegeben hatte.
Das Ticken der Uhr veränderte in all der Stille den Raum. Es wirkte nicht aufdringlich. Es war da. So wie etwas da ist, das lange gewartet hat.
Markus dachte an Zeit. An all die Jahre, die er nicht gefragt hatte. An all die Antworten, die niemand mehr geben konnte. Und an sich selbst, der nun hier saß, ohne Aufgabe, ohne Richtung.
Vielleicht, dachte er, war die Uhr nicht nur eine Entdeckung. Vielleicht war sie zugleich ein Auftrag.

Kapitel 28 – Der Entschluss

Am Abend legte Markus die Uhr neben sein Bett. Er hörte ihr Ticken, er empfand es erstmals als Forderung. Bald schlief er ein.
Am nächsten Morgen setzte er sich an den Küchentisch, nahm ein leeres Notizbuch, starrte eine Weile unentschlossen auf die leere, erste Seite und schrieb endlich oben auf die erste Seite einen Namen:
Johann Klose - Darunter ein Datum: 1908.
Er wusste nicht, was er suchte. Wahrheit vielleicht. Oder Zusammenhang. Oder nur Bewegung. Markus spürte zum ersten Mal seit Langem so etwas wie Erwartung. Sie war klein, unscheinbar, aber sie war da. Ein leiser Zug nach vorn. Er wusste, dass er spät dran war. Aber spät war besser als nie. Die Suche im Internet genügte ihm nicht mehr. Er wollte Akten sehen. Altes, staubiges Papier.
Die Uhr tickte. Zeit, dachte Markus, war vielleicht nichts anderes als die Summe dessen, was man sich zu erinnern traute.